“Die lesbische Soap-Gräfin Carla & Co.”

Mein Beitrag für das Buch “Straight to your heart. Verbotene Liebe 1995 – 2015”

Mit den Texten in diesem Buch soll eine Serie gewürdigt und gefeiert werden, die viele Menschen im Laufe der Jahre berührt hat, die sie gern gesehen haben und die sie vermissen werden. Und auch, wenn mein Verhältnis zu „VL“ häufig eher distanziert war, wenn ich so manches Mal enttäuscht war, wie sich eine bestimmte Geschichte entwickelt hat und wenn ich über längere Phasen gar nicht eingeschaltet habe: Auch mich hat „Verbotene Liebe“ berührt, auch in meinem Leben hat diese Serie ein Rolle gespielt und es geht mir nah, dass eine zwanzigjährige Ära zu Ende geht.

Ein persönlicher Text über die „Verbotenen Lesben“.

Wie alles begann: Nina & Erika

Meine Geschichte mit „Verbotene Liebe“ nahm 1998 ihren Anfang. Anlass war die aufkeimende Romanze zwischen Nina & Erika. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich auf die Storyline überhaupt aufmerksam wurde. War es noch Mund-zu-Mund-Propaganda? Oder doch schon das Internet? Jedenfalls war sie der Anlass, weshalb ich begann, „Verbotene Liebe“ zu schauen.

Ich steckte damals mitten im Staatsexamen und nahm die Folgen meistens auf, um sie mir nach langen Tagen am Schreibtisch abends in Ruhe anzusehen. Und, zugegeben: Um die Teile vorspulen zu können, die mich nicht interessierten. Nach und nach lernte ich die Figuren kennen: Die offene und fröhliche Nina Ryan und die eher spröde wirkende Erika Sander, außerdem Erikas „Anhang“ in Person ihres späteren Verlobten Arno Brandner und ihrer zwei Töchter Steffi und Milli, die alle auch ihre eigenen Dramen durchlebten. Ich litt mit Nina, als sie unglücklich und vermeintlich hoffnungslos in Erika verliebt war und freute mich mit ihr, als Erika sich endlich entschied, sich von Arno zu trennen und mit ihr zusammen zu sein. Da ich „Team Nina“ war, schaute ich die Serie sogar weiter, nachdem die Beziehung an einem (völlig überflüssigen) Seitensprung von Erika mit Arno zerbrach und Erika Düsseldorf verließ, um nach London zu gehen.

Ich hätte es besser lassen sollen, denn auf die reichlich absurde „Ninas Cousine ist eigentlich ihre Tochter, deren Geburt für sie so traumatisch war, dass sie sie verdrängt hat“-Geschichte, die sich später entwickelte, hätte ich im Nachhinein gern verzichtet. Als Nina ging, verließ auch ich „Verbotene Liebe“. Zunächst…

Die lesbische Soap-Gräfin: Carla von Lahnstein

Ende 2003 las ich in Internet-Foren immer öfter über diese lesbische Gräfin in „Verbotene Liebe“. Als ich mich mit Freundinnen darüber unterhielt, kam von einer von ihnen seufzend ein verträumtes „Carla!“, während der Rest der Runde breit grinste. Da hatte anscheinend jemand sein Herz vergeben. Ich war neugierig und schaltete wieder ein.

Das Großartige an einem Austausch über Internet-Foren, Blogs oder den sogenannten „Second Screen“ ist, dass man mit seinen Gefühlen in Bezug auf eine Serie oder auch Serienfigur nicht allein ist. Man teilt die schönen Momente, von denen es immer viel zu wenige gibt, und durchleidet gemeinsam den Rest. Und bei Carla gab es viel zu leiden – mit ihr, aber auch wegen der Entwicklungen, die ihre Geschichten jeweils nahmen.

Kaum hatte sie ihre Liebste Hanna für sich erobert, starb diese in ihren Armen an den Folgen eines Unfalls. Ihr Vater nötigte sie, eine Scheinehe mit einem Mann einzugehen, später wurde sie von ihrem eigenen Bruder in der Öffentlichkeit mit einem Sexvideo zwangsgeoutet. Sie fand neues Glück mit Arnos Tochter Susanne und „heiratete“ sie – die „Ehe für alle“ gab es auch 2006 noch nicht, selbst wenn man bei „Verbotene Liebe“ häufiger den Eindruck bekommen konnte –, doch Susanne entwickelte Gefühle für den Samenspender, dessen Kind Carla unter dem Herzen trug und das sie dementsprechend später allein aufziehen durfte. Carlas Vater, der ihre Homosexualität inzwischen akzeptierte, stürzte mit dem Flugzeug ab und blieb verschollen und ihre eigentlich verstorbene, aber plötzlich wieder aufgetauchte Mutter stellte sich dann doch als ihre Tante heraus. Zu allem Überfluss erschienen immer wieder irgendwelche bisher unbekannten Halbgeschwister auf der Bildfläche und ihr Bruder Ansgar (eigentlich ebenfalls Halbbruder) machte ihr durchgängig das Leben schwer. Na ja, immerhin fischte er sie aus dem Schlossgraben, in den sie rutschte, nachdem sie sich mit ihrer neuen Flamme Stella gestritten und sich kurzzeitig von ihr getrennt hatte. Puh. Das alles verteilte sich zwar über die gesamten sechs Jahre, die Carla von Lahnstein Teil der Serie war – aber trotzdem.

Nun kann man sich natürlich fragen, warum man nicht einfach aufhört zu gucken. Tatsächlich habe ich die Geschichten jeweils nicht durchgängig verfolgt, bin entweder erst später eingestiegen oder entnervt wieder ausgestiegen, wenn es des Leidens zu viel wurde, oder beides. Mit der steigenden Nutzbarkeit und Popularität von YouTube wurde es auch immer leichter, mal etwas nachzuholen, das man verpasst hatte, denn irgendjemand fand sich immer, der die jeweils relevanten Ausschnitte ins Netz stellte. Hieraus entwickelte sich dann auch nach und nach ein neues Phänomen: die internationale Fan-Community.

„Forbidden Lesbians“: Internationale Aufmerksamkeit für Carla & Co.

Wie kann eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in einer deutschen Seifenoper Fans in der ganzen Welt gewinnen? Das Internet macht es möglich. So wurden die Figur Carla von Lahnstein und ihre jeweiligen Liebesgeschichten eben nicht nur in deutschen Internet-Foren diskutiert, sondern auch international. Und weil es technisch immer einfacher wurde, fanden sich regelmäßig deutsche Fans, die nicht nur die relevanten Szenen jeder Folge zusammenschnitten, sondern auch Untertitel in verschiedenen Sprachen für die Dialoge erstellten und bei YouTube hochluden. Aber warum gab es hierfür überhaupt Bedarf? Woher kam das Interesse?

2002 hatte die amerikanische Bloggerin Sarah Warn eine Webseite ins Leben gerufen, auf der sie sich kritisch mit der Darstellung lesbischer und bisexueller Frauen in den Medien, insbesondere auch in Fernsehserien auseinandersetzte. In Anlehnung an das Coming-out der amerikanischen Entertainerin Ellen DeGeneres, das 1997 vor allem in den USA für viele Schlagzeilen gesorgt hatte, nannte sie die Seite AfterEllen. Unter dem Schlagwort „Visibility Matters“ („Sichtbarkeit ist wichtig“) berichtete sie nicht nur darüber, wie lesbische und bisexuelle Frauen in den Medien sichtbar gemacht werden, sondern wo überhaupt. Sie thematisierte damit auch den Wunsch vieler Frauen, ihr Leben und ihre Liebe in den Massenmedien repräsentiert zu sehen, den Wunsch nach Identifikationsfiguren, wie es sie für heterosexuelle Zuschauerinnen und Zuschauer ganz selbstverständlich gibt.

Mit den technischen Möglichkeiten stieg die Offenheit vieler Internetnutzerinnen, sich entsprechende Geschichten im Zweifel auch in anderen Teilen der Welt zu suchen – zum Beispiel in einer deutschen Seifenoper. Eine nicht unerhebliche Rolle spielte dabei sicherlich auch die Attraktivität der Darstellerinnen und die Freizügigkeit so mancher Liebesszene. Ein amerikanischer Zensor hätte angesichts Carlas und Hannas Schäferstündchen im Swimmingpool wahrscheinlich angefangen zu hyperventilieren.

Auch ich wurde irgendwann Teil der internationalen Fan-Community. Da ich immer schon gerne schrieb, und zwar nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, begann ich im Sommer 2009, sogenannte „Recaps“ der Carla & Stella-Geschichte zu verfassen, also Beschreibungen und Zusammenfassungen der jeweiligen Szenen, die ich in meinem damaligen Blog veröffentlichte. Dank Sarah Warn wurden auch die Leserinnen von AfterEllen darauf aufmerksam und ich erhielt so viel Zuspruch und positives Feedback, wie man es sich als Bloggerin zwar immer wünscht, aber nur selten bekommt. Zudem war es mir möglich, Erfahrungen mit dem Umgang mit internationalen Serienfans zu sammeln, die sich im weiteren Verlauf meiner Bloggerinnen-Tätigkeit noch als äußerst nützlich erweisen sollten – auch in Bezug auf „Verbotene Liebe“. Denn obwohl sich die Figur Carla im November 2009 von Königsbrunn, dem Familienschloss der von Lahnsteins, verabschiedete, bedeutete dies nicht, dass es dort keine weiteren Liebesgeschichten zwischen Frauen mehr gab.

„Weil es Liebe ist…“: Marbecca

Ein Text über Frauenpaare in „Verbotene Liebe“ ist natürlich nicht vollständig ohne eine Erwähnung von Marlene & Rebecca alias „Marbecca“, die 2012 ausgeschickt wurden, um die Herzen von Fans auf der ganzen Welt zu erobern.

Bereits Ende 2010 hatte sich Rebecca von Lahnstein, genannt „Becky“, zum ersten Mal angeschickt, die Nachfolge ihrer Cousine Carla als „resident lesbian“ in „Verbotene Liebe“ anzutreten. Doch ihr Techtelmechtel mit Miriam, einer Bedienung in der VL-Stammkneipe „No Limits“, war schnell wieder vorbei – kaum, dass es angefangen hatte. Erst als die Figur Rebecca nach einer Auszeit mit neuem Gesicht und neuer Frisur im Februar 2012 zurückkehrte, bildete dies den Auftakt für die nächste Liebes- und insbesondere Leidensgeschichte zwischen zwei Frauen in der Serie. Denn Rebecca verguckte sich ausgerechnet in Marlene, Ex-Frau ihres Bruders Hagen und aktuelle Freundin ihres Bruders Tristan.

Die verbotene Liebe von Marbecca löste einen riesigen, auch internationalen Hype aus, und zwar mit freundlicher Unterstützung der Produktion. Dem Paar wurde eine eigene kurze Webserie gewidmet, die den Titel „Weil es Liebe ist…“ trug. Außerdem wurde eine Marbecca-Facebookseite eingerichtet. Die Zählerstände der Marbecca-Videos auf YouTube schossen durch die Decke, zumal man diese nun sogar ohne schlechtes Gewissen gucken konnte, nachdem Produzent Guido Reinhardt sich bei den dahinter stehenden Fans sogar namentlich bedankt hatte.

Ich selbst beobachtete das aus einer gewissen Distanz. Einerseits freute ich mich, dass es in der Serie wieder eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen gab und dass ihr so viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde, immer in Verbindung mit der wichtigen Botschaft, dass Liebe eben Liebe ist. Andererseits schaffte es die Geschichte nicht, mich zu begeistern. Zudem fragte ich mich, wo die Reise für Marbecca hingehen würde, nachdem sie sich irgendwann gefunden hatten; eine Frage, auf die auch die Autorinnen und Autoren anscheinend irgendwann keine Antwort mehr fanden.

Vielleicht fielen Marbecca auch den sinkenden Quoten und den damit einhergehenden Umbaumaßnahmen an Struktur und Ensemble zum Opfer, die vorgenommen wurden, um VL irgendwie zu retten. Jedenfalls endete die Beziehung Anfang 2014 reichlich unrühmlich, nämlich nach einem unmotivierten Seitensprung Rebeccas mit einem Arbeitskollegen, in dessen Folge Marlene sich mit ihrem Ex-Verlobten Tristan rächte. Die Fans, die man zuvor so umworben hatte, hätten sicherlich ein besseres Ende für „ihre“ Geschichte verdient gehabt.

Das Ende einer Ära: Was bleibt?

Fast 17 Jahre lang hat „Verbotene Liebe“ mal mehr, mal weniger eine Rolle in meinem Leben gespielt. 17 Jahre mitfiebern, mitleiden, mitlachen, auch mal mitweinen, sich freuen, sich ärgern, enttäuscht oder genervt sein. 17 Jahre, in denen ich unter anderem gelernt habe, wie eine Daily Soap funktioniert, etwas, das ich mir immer mal wieder vor Augen führen musste, wenn ich mich allzu sehr über stereotype Erzählweisen geärgert habe. Denn es ist gerade eines der Charakteristika einer Daily Soap, dass sie mit Stereotypen und Rollenklischees arbeitet und ein und dieselbe Geschichte immer wieder erzählt, nur mit anderen Figuren.

Doch auch, wenn die ein oder andere Storyline vielleicht etwas klischeehaft geraten ist oder aus anderen Gründen nicht funktioniert hat: Die Rolle, die „Verbotene Liebe“ in Bezug auf die Sichtbarkeit von Homosexualität im deutschen Fernsehen gespielt hat, sollte nicht unterschätzt werden. Kaum eine deutsche Serie hat so regelmäßig und konsequent lesbische und schwule Liebe gezeigt. In „Verbotene Liebe“ ging es eben nicht ausschließlich um die Liebesirrungen und -wirrungen der Jans und Julias dieser Welt, sondern auch der Ninas und Erikas, der Toms und Ullis, der Carlas, Rebeccas und Marlenes. Dabei wurde immer deutlich, dass das, was sich zwischen den jeweiligen Paaren entwickelte, nicht schon deshalb eine „ „Verbotene Liebe“ war, weil es sich um zwei Menschen desselben Geschlechts handelte, sondern weil mindestens eine bzw. einer von ihnen zumeist bereits anderweitig liiert war. „Verbotene Lesbe“ war insofern zum Glück immer nur ein Wortspiel.

Aber da ist noch mehr. Vor zwei Jahren war ich mit einer Gruppe Freundinnen auf dem CSD in Köln. Plötzlich war ein Teil von ihnen verschwunden. Die Antwort auf meine Frage nach ihrem Verbleib: „Die sind dem „Verbotene Liebe“-Wagen hinterher“. Um zu unterstreichen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Paare für die Menschen hinter „Verbotene Liebe“ tatsächlich eine Herzensangelegenheit ist, gab es auf dem Kölner CSD 2013 erstmals einen eigenen Wagen für die Serie, sehr zur Freude eben jener Freundinnen, die ich erst Stunden später wiedersehen sollte. Auch solche Geschichten sind es, die ich mit „Verbotene Liebe“ verbinde, und es sind die Menschen, über die ich mich mit der Serie ausgetauscht habe, mit denen ich zusammen gelacht, geweint, mich aufgeregt oder geschwärmt habe. Diese Menschen, diese Erlebnisse, diese Erinnerungen: Auch sie sind es, die bleiben.

In diesem Sinne: Bye, bye, „Verbotene Liebe“, und danke.

Das Buch “Straight to your Heart” ist im Juni 2015 als eBook erschienen und u.a. bei Amazon, iTunes und minimore erhältlich. Mehr Infos zum Buch gibt es auf der Verlagsseite.