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GZSZ: Anni ist mal eben Schrippen holen

5 Jahre lang war Linda Marlen Runge als Anni Brehme Teil des GZSZ-Ensembles. Ende August ist sie ausgestiegen. Das ist nicht nur für die Sichtbarkeit queerer Frauen in deutschen Serien schade, sondern auch wegen der Figur Anni an sich.

Sie hat den Kolle-Kiez 5 Jahre lang ganz schön aufgemischt: Anni (Linda Marlen Runge) (Quelle: RTL)

“Wo geht denn Anni hin?” fragt Jule Tuner, als sie ihre Halbschwester das Festivalgelände verlassen sieht, auf dem sie mit ihren WG-Mitbewohner*innen in der Nacht davor gefeiert hat.

“Schrippen holen.”

Und damit ist sie verschwunden, die Anni Brehme. Auf zu neuen Abenteuern, mit Gitarre, aber ohne Handy. Es ist ein passender Abgang für die Figur, deren Freiheitsliebe schon immer ein prägendes Charaktermerkmal war und sogar ihrer großen Liebe im Weg stand. Und es ist auch nicht unbedingt ein Abschied für immer. Vielleicht steht Anni in einigen Monaten oder Jahren tatsächlich mit Schrippen vor der WG-Tür. Jedenfalls hat Darstellerin Linda Marlen Runge eine Rückkehr der Figur nicht ausgeschlossen.

Erst einmal müssen der Kolle-Kiez, die GZSZ-Fangemeinde und die deutsche Serienlandschaft aber ohne Anni auskommen. Und das finde ich durchaus schade.

Als die Figur vor 5 Jahren angekündigt wurde, war ich zunächst einmal skeptisch. “Lesbisch, tough, tätowiert” lautete die klischeebeladene Überschrift des Artikels, in dem ich zum ersten Mal von Anni las. Auch die Andeutung, dass sich zwischen ihr und einer der etablierten Figuren eine Liebesgeschichte entwickeln würde, stimmte mich nicht zuversichtlich, deutete doch alles auf eine der bekannten, sich häufig quälend lang hinziehenden “Lesbe verzehrt sich nach Hetera”-Storyline hin, womöglich noch als Dreiecksgeschichte, weil die Hetera noch in einer Beziehung mit einem Mann ist.

Die GZSZ-Autor*innen schafften es jedoch von Anfang an, mein Interesse an der Figur zu wecken. Denn Anni war mehr als ein wandelndes Klischee. Auf den ersten Blick unkonventionell, locker und schlagfertig, aber mit durchaus konservativen Vorstellungen, was das WG-Leben angeht: Mietvertrag, eigenes Kühlschrankfach, Putzplan – Ordnung muss sein. Anni entpuppte sie sich als komplexe Figur, selbstbewusst und smart, aber auch mit Schwächen, Ecken und Kanten.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Anni und Jasmin, die sich im Laufe des ersten Jahres entwickelte, habe ich durchaus gern gesehen und hier im Blog begleitet. Zwar wurde es tatsächlich die befürchtete “Lesbe verzehrt sich nach Hetera”-Storyline, bei der die Hetera immer wieder betont, dass sie eben nicht auf Frauen steht. Aber immerhin wurde die Dreiecksgeschichte vermieden. Und alles in allem hatte die Geschichte immer wieder eine gewisse Leichtigkeit und großen Unterhaltungswert, was vor allem auch an den beiden Darstellerinnen lag. Linda Marlen Runge und Janina Uhse machten dabei nicht nur vor der Kamera deutlich, wie wichtig ihnen diese Geschichte war und wie sehr sie hinter ihr standen, sondern wurden auch hinter der Kamera zu ihren größten Promoterinnen. Sie bekamen sogar einen eigenen Fan-Namen: In der Serie waren sie “JasAnni”, als Darstellerinnen “Ruhse”.

Da waren sie noch ein Paar: Jasmin (Janina Uhse, links) und Anni. (Photo: RTL / Rolf Baumgartner)

Doch GZSZ ist nun einmal eine Soap, und so nahm ihre Geschichte einen etwas schrägen Verlauf – leider. Ein langes Liebesglück war ihnen jedenfalls nicht vergönnt. Schon nach wenigen Monaten kriselte es und nachdem der Versuch, eine offene Beziehung zu führen, um Annis Freiheitsliebe entgegenzukommen, scheiterte, war die Trennung unvermeidlich. Es wurde jedoch auch danach immer wieder deutlich, wie viel die beiden einander bedeuten, selbst wenn es letztlich – trotz eines kurzen Liebes-Revivals im vergangenen Jahr – kein Happy End für die beiden gab, bevor “Jasmin” Janina Uhse die Serie verließ.

Und noch etwas wurde stringent erzählt: Dass Anni wirklich, tatsächlich, überhaupt kein Interesse an Männern hat, nicht einmal, wenn sie betrunken ist. Anni ist damit eine der wenigen Frauenfiguren im deutschen TV, die nicht nur von Anfang an, sondern auch durchgängig ohne Wenn und Aber lesbisch sein durfte.

In ihrer Abschiedsfolge begründet Anni ihren Entschluss, Berlin vorerst den Rücken kehren zu wollen, gegenüber ihrem Freund Tuner damit, dass sie sich schon so lange im Kreis drehen würde. Ich fand das für die Figur eine ganz passende Beschreibung, denn ich hatte das Gefühl, dass den Autor*innen für Anni nicht mehr viel an Entwicklungsmöglichkeiten eingefallen ist. Insbesondere auch die beiden Liebesgeschichten, die nach der Trennung von Jasmin noch mit ihr erzählt wurden – mit der Bankerin Rosa und Jasmins Mutter (!) Katrin – waren jeweils nur von kurzer Dauer und wurden allerhöchstens angerissen. Vielleicht ist es deshalb gar nicht schlecht, wenn die Figur eine Pause einlegt, damit sie, sollte es irgendwann ein Comeback geben, mit frischen Storys im Gepäck zurückkehren kann.

Bis dahin heißt es erst einmal: Auf Wiedersehen, Anni! Und vielen Dank an Linda Marlen Runge, dass sie Anni in den vergangenen fünf Jahren so wunderbar mit Leben erfüllt hat.

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

1 Kommentar

  1. Tja, das einzige an Frauenliebendem haben wir wohl zur Zeit bei “Berlin – Tag und Nacht” (RTL).
    Was ich allerdings weniger überzeugend finde als die Rolle der Anni – Alina (Barbesitzerin – Ende 20/Anfang 30?) und Jacky (noch Schülerin – bpoc).

    Danke für den Post. Du hast es schön auf den Punkt gebracht.
    Warum nur, ist es immer wieder so, dass ihnen für lesbische Rollen nichts mehr einfällt? Es ist, als wäre das lesbisch sein so alles überstrahlend, dass sie weiter nicht denken können. Vielleicht können viele normale Hetero-Schreiber*innen sich auf einer subtilen Ebene doch nicht so gut in le-bi-sche Rollen hineindenken und sehen sie eben doch mehr als Lesbe/… als einfach nur als Mensch, der auch andere Entwicklungsfacetten hat, als nur die auf Beziehungsebene?

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