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Neues Magazin für Frauen, die Frauen lieben: “Straight” und die Lesbenklischees

Mit der Kampagne zum Erscheinen der ersten Ausgabe ihres Magazins Straight haben die Macherinnen viel Aufmerksamkeit erregt. Ihre Positionierung zum Thema “Lesbenklischees” dürfte in der Zielgruppe “Frauen, die Frauen lieben” aber nicht nur für Begeisterung gesorgt haben. Was schade ist, denn die erste Ausgabe zeigt, dass Straight selbst für “Klischeelesben” interessant sein könnte.

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(Quelle: Straight)

An kaum jemandem, der regelmäßig bei Facebook oder Twitter ist, dürfte sie vorbeigegangen sein: Die provokante Kampage, die sich die Macherinnen des neuen Magazins Straight zum Vertriebsstart Ende Juli ausgedacht haben. In zwei Videos zeigen sie eine Angela Merkel-Doppelgängerin, die in einem Hotelzimmer mit einer Frau Zärtlichkeiten austauscht – eindeutig ein Schäferstündchen. Damit greifen die Straight-Macherinnen ein Gerücht auf, das in der Community wahrscheinlich fast jede schon einmal gehört hat: Dass ausgerechnet die Frau, deren Bauchgefühl nach wie vor die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland verhindert, heimlich selbst Frauen liebt.

“Sie tragen Nagellack”

Die Videos sorgten für einige Furore und viel mediale Aufmerksamkeit, sogar international, und dürften damit bewirkt haben, dass auch in Mainstreammedien über das Erscheinen der ersten Ausgabe von Straight berichtet wurde. In den entsprechenden Artikeln konnten interessierte Leserinnen und Leser erfahren, dass Straight “das Magazin für Frauen, die Frauen lieben” sei, sich dabei jedoch als Gegententwurf zu Blättern wie insbesondere der L-Mag verstehe, die – wie es eine Autorin bei der Freitag beschreibt – “deutlich stacheliger” daherkomme. Straight biete dagegen ein “Lesevergnügen zwischen Leichtigkeit und Seichtigkeit” (der Freitag), mit Modestrecken, Pflegetipps, Portraits und Homestorys und unterscheide sich damit kaum von “herkömmlichen Frauenzeitschriften”, wie eine Autorin der Süddeutsche Zeitung feststellt. Mit Straight wolle man “weg vom Klischee der ungeschminkten Lesbe mit Kurzhaarschnitt”, wird Chefredakteurin Felicia Mutterer von der SZ zitiert, und noch etwas gibt es über die Frauen zu wissen, die hinter Straight stehen: “Sie tragen Nagellack”. Immerhin wird am Schluss des Artikels noch klargestellt, dass in Straight auch Kurzhaarige zu sehen sein werden.

Eines der erklärten Ziele, nämlich Frauenliebe sichtbar zu machen, hat man bei Straight damit bereits mit Erscheinen der ersten Ausgabe erreicht, zumindest wenn man es etwas abgeschwächt auslegt. Denn komplett unsichtbar, so wie es manchmal durchklingt, sind Frauen, die Frauen lieben, in den Medien ja nicht, nur werden sie eben, wie es die Chefredakteurin im Editorial der ersten Ausgabe selbst beschreibt, ungenügend dargestellt und wenn, dann häufig stereotyp – etwas, das ich auf diesem Blog ja auch schon länger thematisiere.

Eine Frage der Zielgruppe

Dass ich mich dennoch nicht sofort voll freudiger Erwartung auf die erste Ausgabe von Straight gestürzt habe, hat mehrere Gründe, von denen nur einer der Faktor Zeit war. CSD-Saison sowie feierfreudige Familienmitglieder und Freunde haben dazu beigetragen, dass ich erst letzte Woche dazu gekommen bin, mir einen eigenen Eindruck von Straight zu verschaffen. Was mich irritiert hat war – neben dem Namen, bei dem die Redaktion nicht müde wird aufzuklären, dass “straight” eben nicht nur hetero heißt, sondern viele Bedeutungen hat – insbesondere der oben beschriebene, auf mich etwas überheblich wirkende Marktauftritt. Sich gegen Klischees auszusprechen, schön und gut. Sich dabei aber so von einem Teil der eigentlichen Zielgruppe abzugrenzen, dass diese sich vor den Kopf gestoßen fühlt, ist das geschickt?

Selbst wenn man, wie im Editorial der ersten Ausgabe beschrieben, ganz bewusst auch Leserinnen abseits der Community ansprechen will – der Hauptteil der Leserinnen wird wohl letztlich unter den im Editorial ebenfalls genannten zwei Millionen Frauen zu finden sein, die bereits heute wissen, dass sie Frauen lieben. Und von denen tragen eben viele keine langen Haare oder Nagellack und werden ohnehin schon häufig dafür kritisiert und angegriffen, dass sie nicht dem entsprechen, was in der Gesellschaft als weiblich definiert und erwartet wird – auch von der eigenen Community. Sie dürften sich damit so, wie es in den Mainstreammedien vermarktet wurde, von Straight nicht wirklich angesprochen fühlen, ganz im Gegenteil.

Was nicht nur deshalb schade ist, weil sich das Konzept von Straight auf der Homepage ein wenig anders liest. Man wolle “auch den femininen Lifestyle in der lesbischen und queeren Community sichtbar machen”, ist dort zu lesen. Auch – aber wohl nicht nur. Und nach Lektüre der ersten Ausgabe glaube ich tatsächlich, dass auch “Klischeelesben” Interesse an Straight finden könnten.

Herkömmliche Frauenzeitschriften: Nur für Heteras

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle zwei Dinge erwähnen. Nämlich zum einen, dass auch ich einen Kurzhaarschnitt habe, selten Nagellack trage, dafür immerhin regelmäßig Make-up, wenn auch eher zurückhaltend, mich aber trotzdem nicht sonderlich für Schmink- und Pflegetipps oder aber für Mode interessiere. Was nicht heißt, dass mein Interesse daran nicht geweckt werden könnte, wenn die Art der Mode und die Darstellung stimmen.

Woher ich das weiß?

Ich habe tatsächlich – und nun kommen wir zu “zum anderen” – eine Zeit lang regelmäßig eine von diesen “herkömmlichen” Frauenzeitschriften gelesen und nicht jede Schmink- und Modestrecke sofort gelangweilt überblättert. Und selbst wenn gab es genug andere Themen, die mich interessiert haben. Mal eine Homestory, mal ein Portrait, ein Filmtipp oder ein Reisebericht. Was mich allerdings irgendwann massiv gestört hat war, dass diese Zeitschriften sich zwar an Frauen richten, aber nur an heterosexuelle. Soll heißen: Wenn es, was selten vorkam, mal um Frauenliebe ging, dann mit entsprechender Betonung und häufig im Wege der Abgrenzung zur Liebe zwischen Mann und Frau.

Ein Beispiel, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist: In einer Geschichte, in der es um die Liebesnacht einer mit einem Mann verheirateten Frau mit einer anderen Frau ging, wurde nur die Perspektive der verheirateten Frau eingenommen und geschildert, wie sie mit diesem Seitensprung letztlich neuen Schwung in ihre Ehe bringen konnte. Dass die Lesbe mit gebrochenem Herzen zurückblieb – was leider allzu häufig vorkommt – wurde gar nicht thematisiert, obwohl auch sie natürlich eine Frau ist. Aber eben keine, die typische Frauenzeitschriften als Teil ihrer Zielgruppe sehen.

Zwischen herkömmlichen Frauenzeitschriften und L-Mag

Und genau hier sehe ich die Chance für Straight: Irgendwo zwischen den “herkömmlichen” Frauenzeitschriften, die Frauen als ausschließlich heterosexuell definieren, und der L-Mag, die eher feministisch-politisch engagiert und “an subkulturellen Zusammenhängen orientiert” (der Freitag) ist, und ja, damit manchmal eben auch ein wenig stachelig wirkt.

Tatsächlich finde ich in der ersten Ausgabe der Straight den Aspekt “Wir sind alle Lesben” auch noch ein wenig überbetont. Ein Interview mit der Filmemacherin Kerstin Polte war für mich beispielsweise nicht deshalb interessant, weil sie “Eine von uns” ist (so der Name der Rubrik), sondern wegen dem, was sie übers Filmemachen und über Serien sagt. Der Artikel mit dem Titel “Die lesbische Dorfgemeinschaft 2.0” wirkt dagegen ein wenig wie für heterosexuelle Leserinnen und Leser geschrieben, denn die meisten Lesben dürften die dort beschriebenen Phänomene kennen.

Besser gefallen hat mir deshalb auch der hintere Teil des Hefts, wo ich mehr das Gefühl hatte: Hier geht es um Frauen, die dadurch interessant sind, wie sie arbeiten/wohnen/reisen/leben und nicht, weil sie zufällig Frauen lieben. Sei es die Homestory über radioeins-Moderatorin Sonja Koppitz und ihre Lebensgefährtin oder das Interview mit den “Bienenköniginnen”, zwei Frauen, die das Imkern für sich entdeckt haben – das ist die Art von Geschichten, die mich dazu veranlassen würden, mir auch die nächste Ausgabe von Straight zuzulegen. Und ich könnte mir vorstellen, dass es auch anderen Frauen, die Frauen lieben, so gehen könnte – selbst wenn sie nicht den “femininen Lifestyle” pflegen.

Eine Bitte zum Schluss

Also, liebe Straight-Macherinnen: Zunächst einmal vielen Dank, dass ihr den Zeitschriftenmarkt ein bisschen bunter und vielfältiger und Frauen, die Frauen lieben, in der Öffentlichkeit sichtbarer machen wollt. Der Anfang ist gemacht und dafür, dass ich zunächst skeptisch war, habe ich dann doch sehr viel mehr Artikel in der ersten Ausgabe gelesen, als ich anfänglich gedacht hatte – und das nicht nur aus meiner Sorgfaltspflicht als Bloggerin heraus. Vielleicht mögt ihr ja einige der von mir genannten Punkte aufnehmen. So oder so bin ich jedenfalls gespannt, wie es mit Straight weitergeht.

Worum ich euch zum Schluss aber noch herzlich bitten möchte: Keine Angela Merkel-Videos mehr. Denn wie schrieb eine Freundin von mir sinngemäß: Manche Dinge kann man nicht “ungesehen” machen.

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Wer’s nicht lassen kann, gelangt durch einen Klick auf das Bild zum Video. (Quelle: Straight)

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

2 Kommentare

  1. Prima Kommentar!! Danke dafür, hatte bislang eher unfreundliche Gedanken zur “Straight”, die aber eher unstrukturiert waren.

    • Danke fürs Kommentieren. 🙂

      Mit den “unfreundlichen Gedanken” warst du nicht allein, ich kenne so einige, denen es ähnlich ging. Ich bin gespannt, ob “Straight” sich halten kann, ein weiteres Angebot auf dem Markt für Lesbenmagazine fände ich nämlich wirklich nicht schlecht.