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Vom “schlüpfrigen Geständnis” bis zur “Lesben-Beichte” – Wie deutsche Medien diese Woche über Cate Blanchett berichtet haben

Anfang der Woche ging ein entzücktes Raunen durch meine Social Media Timelines: Die Schauspielerin Cate Blanchett hatte in einem Interview mit der Zeitschrift Variety gesagt, dass sie schon Beziehungen mit Frauen hatte, und zwar nicht nur einmal, sondern oft.

Anlass des Interviews war der Film Carol, der am Sonntag beim Filmfestival in Cannes Premiere feiern wird. Cate Blanchett verkörpert darin die Titelfigur, die sich in eine andere Frau verliebt. Und wie immer, wenn eine vermeintlich heterosexuelle Frauen eine lesbische Rolle spielt, wurde auch dieses Detail in dem Interview beleuchtet – in diesem Fall jedoch mit für den Journalisten überraschendem Ausgang:

“When asked if this is her first turn as a lesbian, Blanchett curls her lips into a smile. ‘On film — or in real life?’ she asks coyly. Pressed for details about whether she’s had past relationships with women, she responds: ‘Yes. Many times,’ but doesn’t elaborate. Like Carol, who never ‘comes out’ as a lesbian, Blanchett doesn’t necessarily rely on labels for sexual orientation.”

So weit, so schön für Cate Blanchett. Und weil sie nicht weiter ausführt, wie, wann, was und mit wem, hätte man annehmen können, dass das Thema wenig hergibt für große Schlagzeilen.

Falsch gedacht. Denn das bisschen, was Cate Blanchett in dem Interview sagt, reichte schon, um die Redaktionen vieler Mainstreammedien in Wallung zu versetzen. Mit der Art und Weise ihrer Berichterstattung offenbarten sie, in welchen Schubladen in den Medien noch immer gedacht und mit welchen Vorurteilen dem Thema der sexuellen Orientierung noch immer begegnet wird.

“Schlüpfrige Lesben-Beichte”

Am auffälligsten war dabei die Fokussierung auf das Thema Sex. Nicht nur bei der Gala war von “Sex mit Frauen” die Rede, auch andere Zeitungen und Zeitschriften wie BILD, Stern und TV Movie sprangen auf diesen Zug auf. Dabei hatte Blanchett selbst nur von Beziehungen mit Frauen gesprochen, was aber wohl reichte, um das Kopfkino der Redakteure auf Touren zu bringen und sich den Rest dazuzudichten. Bei der Bunte wurde gar der ganze Artikel mit dem Schlagwort “Sex” versehen. Dort wollte man aus dem Interview “das ein oder andere schlüpfrige Detail” aus Blanchetts Vergangenheit herausgelesen haben, was sich dann aber darauf beschränkte, dass sie “schon mit Frauen im Bett” war. Was genau daran nun eigentlich so “schlüpfrig”, also unanständig ist, ließ die Bunte-Redaktion lieber offen.

Auch mit den Bezeichnungen taten sich manche schwer. Nun hatte es Frau Blanchett ihnen auch nicht leicht gemacht, indem sie sich – wie das obige Zitat zeigt – den etablierten Labels verweigerte. Was vielleicht ein Hinweis hätte sein können, dass es auch ohne eben solche gehen kann. Einigen Redaktionen fiel immerhin ein, dass es neben Hetero- und Homosexualität auch so etwas wie Bisexualität gibt. Der BILD-Zeitung war aber wohl schon das zu kompliziert, dort wurde die Meldung mit der knackigen Überschrift “Lesben-Beichte von Cate Blanchett” versehen und in der Kategorie “Homosexualität” veröffentlicht.

Nicht so hetero wie gedacht? Skandal!

Was in der Berichterstattung immer wieder durchklang war die Andeutung, Cate Blanchett habe etwas Verbotenes, Skandalöses getan. In vielen Artikeln finden sich Worte wie “Geständnis”, “brisant” oder “pikante Details”, ganz zu schweigen von dem schon erwähnten “schlüpfrig”. Dabei stellt sich die Frage, was genau an Cate Blanchetts Aussage eigentlich so skandalös ist. Denn die Tatsache, dass eine Frau – vielleicht – mit Frauen geschlafen hat, ist ja heute eigentlich kaum noch eine Meldung wert. Hätte beispielsweise Jodie Foster in einem Interview dasselbe gesagt, hätten die meisten Medien dies wohl wenn überhaupt nur am Rande erwähnt.

“Brisant” wird das, was Cate Blanchett in dem Interview gesagt hat, eigentlich nur, weil sie mit einem Mann verheiratet ist – seit 18 Jahren, wie man mehr als einmal lesen konnte – und damit automatisch in die Kategorie “heterosexuell” eingeordnet wurde. Dass die Frau nicht so hetero ist wie angenommen und dass man ihr das nicht ansehen konnte, löst Verunsicherung aus und den Reflex, darin etwas “Schlüpfriges” zu sehen, etwas Unanständiges, das irgendwie nicht ganz in Ordnung ist.

Cate Blanchett hat mit ihrer kurzen Aussage entlarvt, wie hilflos manche Medienleute heute noch reagieren, wenn deutlich wird, dass die gedanklichen Schubladen in Bezug auf die sexuelle Orientierung, mit denen man lange so schön arbeiten konnte, inzwischen zu eng geworden sind und manche Leute sich partout nicht darin einordnen lassen wollen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ihre “Enthüllung” vor allem deshalb erfolgt sein sollte, um den Film Carol zu promoten, wie nun manche behaupten.

Der Film soll übrigens Anfang 2016 in die Kinos kommen – vielleicht ja genug Zeit, um die Redaktionen bis dahin mal von den alten Schubladen zu entrümpeln.

Link:

Update (23.5.15): Während einer Pressekonferenz vergangenes Wochenende in Cannes hat Cate Blanchett erklärt, dass sich ihre Äußerung tatsächlich nicht auf sexuelle Beziehungen bezogen habe. Sie sei diesbezüglich falsch zitiert worden.

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

1 Kommentar

  1. Das zeigt sehr schön, wie stark das ganze Thema auf reinen Sex reduziert wird.
    Und leider werden bei Frauen sofort die wilden Lesbenporno-Fantasien angeworfen.
    Sehr traurig.