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Anni, Jasmin, Heike & Co. – Frauenliebende Frauen in deutschen Serien im Oktober 2014

Wie viele lesbische oder bisexuelle Frauenfiguren gibt es eigentlich in deutschen Serien?

Das haben sich vielleicht so manche von euch schon einmal gefragt. Im Oktober 2012 bin ich dieser Frage im Rahmen dieses Blogs erstmals nachgegangen. Anlass war damals eine Studie der amerikanischen Lobby-Organistion GLAAD, die für die Fernsehsaison 2012/2013 eine Rekordzahl an LGBT-Figuren in amerikanischen Serien ermittelt hatte. Das hat mich neugierig gemacht. Ich wollte wissen, wie es zu diesem Zeitpunkt bei deutschen Serienproduktionen aussah. (Das Ergebnis findet ihr hier.)

Das Interesse an der Übersicht war und ist noch immer groß. Deshalb war es nach zwei Jahren höchste Zeit, sie zu aktualisieren. Et voilà!

Wer neugierig ist und sofort sehen möchte, wie die aktualisierte Liste aussieht, kann hier klicken:

Die Liste

Ansonsten geht es weiter mit einigen Erläuterungen. Welche Veränderungen hat es gegeben, welche Abgänge, insbesondere aber auch welche Zugänge, wenn überhaupt?

Ausgangslage

Im Oktober 2012 gab es im deutschen Fernsehen insgesamt acht frauenliebende Frauenfiguren in sieben deutschen Serien*:

  • Verbotene Liebe: Rebecca von Lahnstein, Marlene von Lahnstein
  • Lindenstraße: Tanja Schildknecht
  • Mord mit Aussicht: Bärbel Schmied
  • Hannah Mangold & Lucy Palm: Lucy Palm
  • Die Chefin: Dr. Heike Steinbeck
  • Einsatz in Hamburg: Dr. Helga Dunkel
  • Rosa Roth: Karin von Lomanski

Ich fand das damals nicht besonders viel, insbesondere auch im Vergleich zu den Zahlen aus den USA. Zwar werden dort natürlich insgesamt mehr Serien produziert, Deutschland kann jedoch durchaus ebenfalls als Serienland bezeichnet werden. Allein bei den Hauptsendern ARD, ZDF, RTL, Sat.1 und ProSieben werden nach meiner Zählung wöchentlich ca. 30 deutsche Serien ausgestrahlt, viele davon als Erstausstrahlung, mit geschätzt weit über 100 Haupt- und Nebenfiguren. Da nicht alle Serien durchgängig laufen, dürfte die Zahl deutscher Serienproduktionen insgesamt sogar noch höher sein.

Die deutsche Liste war zudem sogar ein wenig “aufgepumpt”. Anders als die Amerikaner hatte ich nämlich auch Figuren aus Daily Soaps einbezogen und das Kriterium “frauenliebend” ein wenig großzügig ausgelegt, indem ich neben den Frauenfiguren, die generell Frauen lieben, auch solche berücksichtigt hatte, die sich nur einmal in eine Frau verliebt haben.

Abgänge bzw. Nicht-Zugänge

Die oben beschriebene Erweiterung der Liste war in Bezug auf Bärbel Schmied aus Mord mit Aussicht auch ein bisschen in der Hoffnung geschehen, dass die Figur sich vielleicht doch auch mal wieder in eine Frau verlieben darf. Danach sieht es leider immer weniger aus, weshalb ich “Bärbelchen” schweren Herzens von der Liste genommen habe.

Auch ansonsten haben sich in den vergangenen zwei Jahren so manche Hoffnungen in Bezug auf lesbische Figuren oder Liebesgeschichten zwischen Frauen in deutschen Serien nicht erfüllt. Beispielsweise ließ das ZDF die sich anbahnende Romanze zwischen der Polizistin Melanie und der Ärztin Helen in Notruf Hafenkante sehr abrupt wieder enden und verprellte damit so einige Zuschauerinnen, die sich schon ein wenig in die Geschichte verliebt hatten. Die Figur Helen, leider von vornherein nur für einige Episoden eingeplant, verschwand ohne weiteren Kommentar aus der Serie und mit ihr nicht nur eine der wenigen offen lesbischen, sondern auch eine der wenigen nicht-weißen Figuren im deutschen Fernsehen. Ade, Vielfalt. Die Figur Melanie ist zwar weiterhin in der Serie, doch da es mit ihr ein wenig wie mit Bärbel scheint, das Ganze also wohl nur eine einmalige Sache war, taucht Melanie auf der neuen Liste erst gar nicht auf.

Ebenfalls abrupt und reichlich enttäuschend endete die Beziehung zwischen Rebecca und Marlene von Lahnstein in Verbotene Liebe, insbesondere weil es leider nicht ohne Rückgriff auf das Klischee “Untreue mit einem Mann” abging, und das nicht nur ein-, sondern gleich zweimal: Weil Rebecca sich auf einen Quickie mit einem Kollegen eingelassen hatte, rächte sich Marlene, indem sie mit ihrem Ex Tristan ins Bett stieg. Sehr originell. Nicht. Nach all dem Hype, den die Serienverantwortlichen selbst um das Paar gemacht hatten, u.a. mit einer eigenen Webserie, war diese Entwicklung irritierend. Zwar lässt sie sich wahrscheinlich damit erklären, dass Schauspielerin Melanie Kogler die Serie verlassen hat und die Geschichte vorher irgendwie zu einem Abschluss gebracht werden musste. Dennoch: Die “Marbecca”-Fans hätten ein besseres Ende für ihr Lieblingspaar verdient gehabt.

Eine weitere Figur, die es nicht mehr auf die Liste geschafft hat, ist Lucy Palm. Zwar gibt es, wie angekündigt, einen zweiten Film mit dem Damen-Duo Hannah Mangold & Lucy Palm. Dieser hat es bisher aber nicht einmal ins Hauptprogramm von Sat.1 geschafft, sondern wurde nur auf Sat.1 emotions ausgestrahlt. Dass es mit der Reihe und damit mit der Figur Lucy Palm, die “wenn es sich denn ergibt, auch mit Frauen” (Süddeutsche.de) schläft, noch einmal weitergeht, halte ich daher für eher unwahrscheinlich.

Ebenso sieht es mit Einsatz in Hamburg aus. Die letzte Folge dieser Reihe wurde Anfang 2013 ausgestrahlt, eine Ankündigung für weitere Folgen konnte ich nicht finden. Auch von der Gerichtsmedizinerin Helga Dunkel, die mit ihren Avancen Kommissarin Jenny Berlin so herrlich aus dem Konzept bringen konnte, müssen wir uns daher wohl verabschieden. Ganz offiziell in den Ruhestand geschickt wurde dagegen Rosa Roth und mit ihr ihre Mitarbeiterin Karin von Lomanski.

Zugänge

Während es also reichlich Abgänge von der ohnehin schon eher kurzen Liste gab, konnten nur drei Zugänge verbucht werden, zwei davon – wenig überraschend – in einer Daily Soap. In keinem anderen deutschen Serienformat hat es in der Vergangenheit so viele lesbische und auch schwule Figuren gegeben wie in Seifenopern. Und so mischt seit Sommer 2013 die angehende Tontechnikerin Anni den Berliner Kiez, in dem die Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten spielt, ein wenig auf. Das Erfrischende an der Figur: Sie durfte von Beginn an selbstbewusst lesbisch sein, ohne sich sofort unsterblich in eine Hetera verlieben und sich fortan nach ihr verzehren zu müssen. Im Gegenteil, Anni hatte One Night Stands und kurze Affären und war zunächst so gar nicht an einer festen Beziehung interessiert.

Das “sich nach einer Hetera verzehren” kam dann zwar doch nach einigen Monaten, als Anni sich in ihre Mitbewohnerin, die verheiratete Jasmin, verliebte. Konkret wurde die Beziehung zwischen den beiden Frauen jedoch erst, als Jasmin schon von ihrem Mann getrennt war, so dass die in Daily Soaps gern gewählte Dreieckskonstruktion diesmal ausblieb. Schmerzhaft mit anzusehen war das Hin und Her zwischen den beiden zwar dennoch, inzwischen sind sie aber offiziell ein Paar – sehr zur Freude einer wachsenden internationalen Fan-Community.

Last but not least gibt es auch endlich eine Tatort-Kommissarin, die Frauen liebt: Liz Ritschard vom Ermittler-Team aus der Schweiz**. Schon in einer Anfang 2013 ausgestrahlten Episode durfte Liz mit einer Frau anbandeln. Damals war jedoch noch unklar geblieben, ob dies nicht eine einmalige Sache bleiben würde. Blieb es zum Glück nicht. In einer an Ostern dieses Jahres ausgestrahlten Folge durfte Liz wieder eine Frau küssen und es wirkte nicht so, als sei dies eine Ausnahme gewesen.

Die Liste

Unter Berücksichtigung aller oben beschriebenen Ab- und Zugänge ergibt sich damit folgende Liste frauenliebender Frauen in deutschsprachigen Fernsehserien:

Die Chefin (ZDF): Dr. Heike Steinbeck (Nicole Marischka)

Gute Zeiten, schlechte Zeiten (RTL): Jasmin Flemming (Janina Uhse) und Andrea “Anni” Brehme (Linda Marlen Runge)

Lindenstraße (Das Erste): Tanja Schildknecht (Sybille Waury)

Tatort (Das Erste): Liz Ritschard (Delia Mayer)

Verbotene Liebe (Das Erste): Rebecca von Lahnstein (Tatjana Kästel)

Sechs Figuren in fünf Serien, Tendenz fallend. Das ist, wie man so schön sagt, ausbaufähig.

Liebe deutsche Fernsehsender und Serienproduzenten: Da geht noch was!

* Zu den Serien in diesem Zusammenhang zähle ich auch sogenannte Reihen wie zum Beispiel den Tatort. Nicht berücksichtigt habe ich dagegen die sogenannten Scripted Reality-Formate.

** Obwohl die jeweiligen Folgen mit dem Schweizer Team natürlich in der Schweiz produziert werden, habe ich sie in die Liste aufgenommen, da der Tatort meines Erachtens insgesamt als deutsche Fernsehreihe angesehen werden kann.

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

6 Kommentare

  1. Danke für die, wenn auch ernüchternde, Aufstellung.
    Tja. Die deutsche TV-Industrie schlendert schon seit Jahren hinter sämtlichen Entwicklungen (international und oft genug sogar nur national!) hinterher. Gründe? Faulheit? Inkompetenz? Mangelnde Risikofreude? Oder ist es am Ende der deutsche TV-Zuschauer? Ist er zu retro? Zu einfältig? Zu…was weiß ich.
    Mir persönlich würde es ja schon reichen, wenn die dt. TV-Landschaft endlich mal lernen würde, dass die Leute nicht mehr um 20 Uhr geeint vor der Glotze hocken, sondern gucken, wann immer sie halt Zeit und Möge haben.
    Danach wäre es denn nett, wenn sie endlich akzeptieren würden das “Frau” in der Moderne angekommen ist. Und den Männern da gar nicht so unähnlich sind. Charakterlich.
    Wenn sie die beiden Punkte beherzigen würden, käme die Entwicklung zu mehr LGBT-Inhalten im dt. TV eigentlich von ganz allein.
    Letzteres würde ich dann gerne mit etwas mehr Realismus sehen, als wie es z. B. bei vielen Soaps dargestellt wird (nicht gegen die Darsteller gemünzt, eher gegen die Autoren usw.).
    Ach ja. If wishes where horses…

    Bärbelchen deprimiert mich übrigens total.
    Und Helen. Die war mal ein starker Frauen-Charakter. Zumindest im Ansatz.

  2. Was die Gründe für den deutschen Serien-Einheitsbrei angeht, fand ich ein Interview mit einem Drehbuchautor sehr erhellend, der meinte, dass die Serienredaktionen in den Sendern den Zuschauern nichts zutrauen und deshalb alles getan wird, um diese nicht zu irritieren. (Ich habe darüber auch mal was geschrieben: https://www.rosalieundco.de/2013/12/19/deutsche-vorabendserien-homosexuelle-figuren/)

    Was ich bei Mord mit Aussicht gerade sehr interessant finde, sind die Reaktionen auf Twitter auf diese Timo-Geschichte. Da gibt es ganz viele Fans, die anscheinend nach der Mathilde-Geschichte fest davon ausgegangen sind, dass Bärbel lesbisch ist, und jetzt total überrascht sind. Wenn man da die Zuschauer nicht irritieren wollte, indem man Bärbel auf hetero getrimmt hat, hat man anscheinend gerade das Gegenteil erreicht.

    • Was mich an der Bärbel-Entwicklung stört ist gar nicht mal, dass sie (auch) Männer interessant findet (oder finden könnte). Wie war noch gleich der Dialog zwischen Bärbel und Mathilde in “Walzing Mathilde”?
      Bärbel: “A-Aber ich b-bin doch gar nicht lesbisch??!”
      Mathilde: “Ja, ich doch auch nicht.”
      So, oder so ähnlich jedenfalls.
      Von daher hatte ich Bärbel als “bi-irgendwas” eingestuft.
      Mich ärgert nur die lieblose Umsetzung. Mal wieder.
      Natülich lebt Bärbel auf´m Dorf und hüpft daher, mangels Auswahl, mit dem erstbesten Dorftrottel (sorry) in die Waagerechte. “Zum Stressabbau”. Und ist dann natürlich noch doof wie ne Stulle Brot und vergisst zu verhüten. Ahh ja.
      Hätten sie das Schwangerschaftsding, bei zwei Jahren Produktionsdauer plus Wartezeit nicht gleich ganz auslassen können und einfach warten können, bis die Schauspielerin entbunden hat. Wäre m. E. sinniger gewesen.

  3. Letzte Woche bin ich durch Zufall über “Dating Daisy” (ARD) gestolpert. Dort gibt es auch eine Figur, die auf Frauen steht, Rebecca heißt sie glaube ich. Gespielt von Anna Willecke.
    Wie groß ihre Rolle da ist und wie das Thema da angegangen wird, weiß ich aber auch nicht, da ich ansonsten die Sendung nicht kenne.

    • Ich habe jetzt mal bei Dating Daisy reingeschaut. Die Figur heißt Becky, ist Teenager und hat gerade entdeckt, dass sie auf Frauen steht. In einer Folge von Freitag hat sie sich bei ihrem besten Kumpel geoutet, der aber blöderweise in sie verknallt ist. Scheint ganz gut gemacht zu sein, ich werde das auf jeden Fall mal weiterverfolgen. Danke noch mal für den Tipp, Nuersel!