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Medienschau: Hitzlsperger, #idpet und die Wichtigkeit von Lesbenpornos

Ein Überblick über aktuelle Medienberichte zum Thema Homosexualität (nicht nur) aus Anlass des Coming Outs von Thomas Hitzlsperger

Als ich Anfang der Woche in diesem Beitrag schrieb, dass es 2014 in den Medien sicherlich wieder einige Berichterstattung über Homosexuelle bzw. die LGBTQI-Community geben würde, da hatte ich als Anlass vor allem die Olympischen Spiele in Sotschi vor Augen. Und dann kam Thomas Hitzlsperger.

Am Mittwochvormittag gab die Wochenzeitung DIE ZEIT bekannt, später am Tag (Online) bzw. am Donnerstag (Print) ein Interview mit dem ehemaligen Fußballnationalspieler zu veröffentlichen, in dem dieser sich als homosexuell outet. Die Nachricht stieß auf so großes Interesse, dass der Server von ZEIT ONLINE anfing zu ächzen. Seitdem wird geschrieben, gebloggt, kommentiert und diskutiert, was das Zeug hält, und zwar nicht nur in Sportredaktionen, sondern auch in Nachrichtensendungen und Talkshows. Die Reaktionen sind überwiegend positiv, und zwar zum Glück zum großen Teil “ernst gemeint positiv” und nicht nur “politisch korrekt positiv”, die ein oder andere kritische Stimme ist jedoch auch dabei. Einige interessante Links, die mir seit Mittwoch untergekommen sind, habe ich im Folgenden mal geteilt und kommentiert.

Insbesondere auf ZEIT ONLINE gab es seit Mittwoch viele Artikel zum Thema Hitzlsperger; wer mag es der ZEIT verdenken, nachdem sie diesen Coup gelandet hat. Unter anderem ging es – natürlich – um Homophobie im Männerfußball.

“Homosexualität im Fußball: Aus dem Abseits” (ZEIT ONLINE)

Bei der Süddeutsche Zeitung hat man sich unter anderem gefragt, ob man in einer modernen Gesellschaft überhaupt wie Thomas Hitzlsperger über Homosexualität sprechen muss, und die Frage auch gleich beantwortet: Unbedingt!

“Homosexualität und Gesellschaft: Lasst uns drüber reden!” (Süddeutsche Zeitung)

Bei der konservativen FAZ wollte man wohl nicht ganz so uneingeschränkt positiv und befürwortend rüberkommen wie die Kolleginnen und Kollegen der ZEIT und der Süddeutsche Zeitung und hat daher auch eine kritische Stimme zu Wort kommen lassen:

“Coming Out: Die Rocky Horror Hitzlsperger Show” (FAZ)

Nun herrschen in diesem unseren Lande Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt, und das ist auch gut so. Ernst nehmen kann man einen solchen Kommentar, der nicht nur sehr polemisch, sondern an einigen Stellen auch reichlich irrational daherkommt, aber irgendwie nicht. Von einer “Schwulen- und Lesben-Lobby” ist da die Rede, und dass es doch in Deutschland nicht so weit kommen dürfe, dass Mut dazu gehört, sich als heterosexuell zu outen. Nun ja.

Nicht nur in der Presse, auch im Fernsehen war das Thema Hitzlsperger natürlich präsent. Während man bei Maybritt Illner entweder der Meinung war, dass Frauen (von denen einige übrigens auch homosexuell sein sollen) zu dem Thema “Schwule Fußballer” keine Meinung haben, oder aber schlicht nicht in der Lage, eine solche Frau aufzutreiben – eine Tatsache, die u.a. in diesem Artikel kommentiert wird – machte HR-Frau Esther Schapira in ihrem sehr eindringlichen Kommentar für die Tagesthemen deutlich, wie wichtig ein Coming Out wie das von Hitzlsperger leider noch immer ist und dass gerade Politiker, die sich jetzt lobend äußern, ihren Worten Taten folgen lassen müssen. In dieselbe Kerbe haute ZEIT-Autorin Carolin Emcke in Bezug auf die Reaktion von Angela Merkel:

Im ZDF-Morgenmagazin durfte die nicht-heterosexuelle Dunja Hayali den nicht-heterosexuellen Volker Beck zum Coming Out des nicht-heterosexuellen Thomas Hitzlsperger interviewen – und weder ist das Abendland untergegangen noch der Lerchenberg im Meer versunken. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für die mediale Sichtbarkeit nicht-heterosexueller Menschen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Dunja Hayali sprach in dem Interview auch ein Thema an, gegen das unter anderem die Autorin und Bloggerin Nele Tabler bereits seit einigen Wochen auf ihrem Blog anschreibt und das bei Twitter unter dem Hashtag #idpet diskutiert wird, das aber erst im Zusammenhang mit dem Coming Out von Thomas Hitzlsperger stärker in den Fokus auch größerer Nachrichtenmedien gerückt ist: Die unsägliche Petition gegen den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg, der vorsieht, zukünftig die “Akzeptanz sexueller Vielfalt” an den Schule zu fördern. Wie wichtig dieses Thema und wie richtig die Entscheidung der Landesregierung ist, dieses aufzugreifen, zeigt nicht nur die Petition selbst, sondern das zeigen insbesondere ignorante, teilweise auch beleidigende und menschenverachtende Kommentare, die dazu abgegeben werden. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat dazu einen sehr lesenswerten Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung geschrieben:

“Homosexualität in der Schule: Zur Vielfalt ermutigen” (Süddeutsche Zeitung)

“Sexuelle Orientierung frei leben zu können, ist keine Frage des “Lebensstils”, sondern ein Menschenrecht.”
(Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Dass es im Rahmen der Berichterstattung über das Coming Out von Thomas Hitzlsperger überwiegend darum ging, wie es ist, ein schwuler Mann zu sein, und wenig bis gar nicht um lesbische Frauen – wie zum Beispiel in diesem Beitrag auf der Webseite der Tagesschau, in dem unter der Überschrift “Erfahrungsberichte Homosexueller” nur schwule Männer zu Wort kommen – ist wie immer schade. Vielleicht, wenn sich das nächste Mal eine prominente Frau outet…?

Dass homosexuelle Damen in dieser Woche in den Medien trotzdem nicht ganz außen vor geblieben sind, dafür sorgte taz-Kolumnistin Margarete Stokowski mit einem großartigen Text, in dem sie unter anderem genau diese mediale (Un)Sichtbarkeit von Lesben aufgegriffen hat:

Luft und Liebe: Guckt mehr Lesbenpornos! (taz)

Zum Schluss geht es noch einmal um den Mann, der alles ins Rollen gebracht hat. Neben dem Interview mit der ZEIT und einem (sehr sehenswerten!) Fernsehinterview mit dem ZDF hat Thomas Hitzlsperger auf seiner offiziellen Webseite sowohl schriftlich als auch in einem Video noch einmal persönlich zu seinem Coming Out Stellung genommen und dabei deutlich gemacht, worum es ihm unter anderem geht: Nämlich darum, homophoben Menschen klarzumachen, dass sie einen weiteren Gegner haben.

Bravo, Respekt und Dankeschön, Thomas Hitzlsperger.

“Der moderne Fußball ist kein Lebensraum für Gestrige und Leute mit angestaubten Vorurteilen.”
(Thomas Hitzlsperger)

Update (3.2.14):

Das ZEIT-Interview mit Thomas Hitzlsperger ist jetzt auch online verfügbar:

“Homosexualität wird im Fußball ignoriert” (ZEIT ONLINE)

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

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