Permalink

4

„Lesbenstory muss kein Synonym für Drama sein“ – Interview mit Judith Hüller

In ihrem ersten Roman „Violett ist erst der Anfang“ erzählt Judith Hüller die Geschichte der beiden Seriendarstellerinnen Jule und Ewa, die nicht nur vor der Kamera ihre Gefühle füreinander entdecken. Ich habe mich mit Judith über “Violett”, lesbische Serienpaare und die feine Grenze zwischen Faneifer und Stalking unterhalten.

Violett_1_1_featured

Dass sich in einer Fernsehserie zwei Frauen ineinander verlieben, ist auch in Deutschland schon lange kein Tabu mehr. Gerade für Daily Soaps und Telenovelas scheint es inzwischen obligatorisch, mindestens eine lesbische Liebesgeschichte zu erzählen – und sei sie noch so klischeehaft und krampfig.

Wenn eine Geschichte allerdings gelingt, wenn sie nicht nur gut geschrieben, sondern von den Darstellerinnen auch überzeugend gespielt ist, gibt es für die Begeisterung und Kreativität der Fans oft kein Halten mehr. Da werden Lieblingsszenen nicht nur wieder und wieder und wieder angeschaut und ausführlich diskutiert, sondern Musikvideos erstellt, aus Screenshots Collagen gebastelt und vergangene und aktuelle Storylines im Netz weitererzählt, die sog. Fanfiction.

Und nicht selten steigt bei einigen Fans mit jedem verliebten Blick und jeder zärtlichen Berührung, die sie auf dem Bildschirm sehen, die Hoffnung, dass dies alles vielleicht doch nicht nur gespielt ist. Könnte es nicht vielleicht sein? Was wäre wenn?

Dieses „Was wäre wenn“ greift Judith Hüller in ihrem Roman „Violett ist erst der Anfang“ auf, der Anfang August als E-Book im Carlsen-Verlag erschienen ist.

Die Schauspielerinnen Jule und Ewa spielen in der Vorabendserie „Liebes Leben“ das Liebespaar Viola und Babett. Dass sie plötzlich angeschmachtet und von den Fans als neues Traumpaar „Violett“ gefeiert werden, trifft Jule nicht nur völlig unerwartet, sondern stürzt sie auch in ein Gefühlschaos. Sollte da vielleicht tatsächlich mehr sein als Freundschaft unter Kolleginnen? Da auch Ewa ihre Gefühle für Jule nicht so recht einordnen kann, soll ein Liebeswochenende Klärung bringen. Ausprobieren ist angesagt! Doch dann kommt alles anders als geplant, und statt mit Ewa in ihrer Wohnung in Berlin findet Jule sich bald auf der Autobahn wieder, auf dem Weg zu Ewas polnischer Wahlfamilie in Hamburg. Während ihres chaotischen Städtetrips kann sich Jule immerhin immer wieder von einem überzeugen: Egal, was zwischen ihr und Ewa ist – küssen kann sie!

Violett_1_JH_2013Judith, “Violett ist erst der Anfang“ ist dein erster Roman. Wie bist du auf die Idee für die Geschichte gekommen?

Das Abenteuer basiert auf einer Fanfiction, die ich 2011-2012 in einem Onlineforum geschrieben habe. Auslöser waren damals ein Soap-Paar und eine Storyline, die mich komplett gefesselt haben. Hinzu kam, dass ich auf Geschichten der Kategorie „Real Person Femslash“ stieß und mich ärgerte, wie selbstverständlich manche Schreiberlinge den Schauspielerinnen eine Liebesbeziehung andichteten. Das hat mich angestachelt. In meinen Augen ging eine solche Paarung nur mithilfe von „Gehirnwäsche“: Jage zwei heterosexuelle Damen durch das größte Chaos ihres Lebens, bis sie zum Traumpaar mutieren. Mit diesem Grundkonzept wuchs die Story, die ich dann 2013 zum Buch umgearbeitet habe.

Fiel dir diese Umarbeitung leicht oder schwer?

Sie war vor allem spannend. Eine Fanfiction nutzt bekannte Elemente. Du taufst deine Figur nach einer Rolle oder Schauspielerin, und so hat jeder Leser automatisch Bilder und die Biografie dazu im Kopf. Erwähnst du Szenen oder Insider aus der Soap, weiß jeder Fan sofort Bescheid. All diese Bezüge mussten entfernt werden, oder eben ersetzt, damit die Geschichte weiterhin funktioniert. Das war viel Arbeit, aber nun steht die Story auf eigenen Beinen und alle Figuren haben noch stärker als bisher ihr eigenes Profil erhalten.

In deinem Buch geht es um Darstellerinnen einer Daily Soap. Schaust du selbst regelmäßig Soaps bzw. Telenovelas?

Regelmäßig würde ich nicht sagen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen ich eine Serie, Soap oder Telenovela intensiver verfolge. Sei es wegen einer Schauspielerin oder gezielt wegen einer Storyline, die ich interessant finde. Über die Jahre häuft sich dadurch einiges an Wissen an.

Hast du dich schon, bevor du die Geschichte geschrieben hast, mit Fan Communities und insbesondere Fanfiction beschäftigt?

Nicht in diesem Ausmaß. Mein Startschuss kam konkret mit dem Hype rund um „Jemma“, dem Frauenpaar Jenny und Emma aus der Serie „Hand aufs Herz“. Mit dieser Community bin ich am Stärksten verwachsen. Seitdem tummel ich mich in unterschiedlichen Soap-Foren oder auf Plattformen für Fanfiction, stöbere hier und lese da.

Gibt es etwas, dass dich bei deiner Beschäftigung mit Fan Communities besonders überrascht oder vielleicht auch irritiert hat?

Geflasht war ich von der Kreativität der Fans und auch davon, wie bunt eine Fanbase sein kann. Im Fall von “Jemma” schwärmt die 13-jährige Schülerin einträchtig mit der 50-jährigen Altenpflegerin, die Ärztin mit der Bürokauffrau, die Hebamme mit der Studentin. Und das über Kontinente, Kulturen und Sprachbarrieren hinweg. Irritiert hat mich oft die Distanzlosigkeit oder gar Respektlosigkeit, mit der sich einige Fans auf „ihren Promi“ stürzen. Speziell auf den Facebookseiten der Schauspieler empfinde ich viele Kommentare als anmaßend, und bei manchen Aktionen würde ich nicht mehr von Faneifer sprechen, sondern von Stalking.

Hast du dafür Beispiele?

Bei Facebook ist vieles natürlich Geschmacks- und Ansichtssache. Manche Fans pflastern die Promi-Pinnwände permanent mit Herzen voll und hinterlassen täglich Grüße, als wären sie tatsächlich mit den Schauspielern befreundet. Nun gut. Mich stören eher Kommentare mit Erwartungshaltung. Nicht selten wird ein Promi angegriffen, weil er sich nicht oft genug meldet, Fanpost nicht beantwortet oder nach der Arbeit keine Fotos mit den Fans schießt. Anscheinend glauben einige, sie hätten ein Anrecht auf all das. Absolut sprachlos bin ich bei Forumseinträgen wie: „Heute war sie (Schauspielerin XY) wohl im Stress. Sie ist mit ihren Supermarkttüten gleich in ihrem Hauseingang verschwunden.“ Oder Bemerkungen wie: „Nach Feierabend geht sie immer auf der linken Straßenseite zur S-Bahn-Haltestelle Soundso und nimmt die Bahn um … nach …“ Bei aller Fanliebe, da hört der Spaß definitiv auf.

Viele Fans von lesbischen Serienpaaren wünschen sich, dass die Darstellerinnen auch im wirklichen Leben lesbisch sind, oder gar ein Liebespaar. Kannst du diesen Wunsch nachvollziehen?

Ja und nein. Wenn eine gute Geschichte überzeugend gespielt wird, keimen schnell Gedanken wie: Hach, so etwas Schönes sollte real sein. Und das Naheliegendste ist, den Darstellerinnen diese Gefühle, speziell füreinander, anzufantasieren. Trotzdem ärgert mich dieser Transfer von Rolle zu Privatleben. Es sollte unwichtig sein, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat, wenn ich seine Arbeit beurteile. Das eine ist Job, das andere privat. Das eine ist Fiktion, das andere die Realität. Soweit die Theorie. Warum spekulieren wir dennoch bei jedem lesbischen Serienpaar aufs Neue? Vielleicht aus dem Grund: Solange Frauenliebe nicht rechtlich und gesellschaftlich normal bzw. als gleichwertig akzeptiert ist, fahndet und sehnt sich die Lesbenwelt wohl weiterhin nach Aushängeschildern zur Verstärkung ihres „Teams“.

Wie sollten die betreffenden Schauspielerinnen deiner Meinung nach darauf reagieren, gerade wenn sie nicht lesbisch sind?

Mit Wertschätzung und Ehrlichkeit. Jeder sollte lieben dürfen, wen er will. Das gilt für alle und natürlich in alle Richtungen. Sollte eine Schauspielerin ein Geheimnis aus ihrer Heterosexualität machen, um ihre lesbische Fanbase nicht zu verprellen? Quatsch. Ich freue mich immer über Interviewantworten wie: „Ich finde es spannend, eine lesbische Rolle zu spielen. Und nein, ich habe mich noch nie in eine Frau verliebt, aber sollte es tatsächlich eines Tages passieren, wäre daran nichts Schlimmes.“ Somit kann die Dame nach Herzenslust ihr Leben lang hetero bleiben und lesbische Fans fühlen sich nicht vor den Kopf gestoßen. Weniger glorreich sind dagegen Statements wie: „Ich könnte mich nie in eine Frau verlieben – niemals!“ Na besten Dank. Weil Lesbischsein pervers ist oder wie? Dann muss die Dame ja Höllenqualen leiden, wenn sie vor der Kamera eine Frau küssen muss, und mir vergeht nach dieser Ohrfeige die Lust, ihr dabei länger zuzugucken.

Wie findest du allgemein die Darstellung lesbischer Figuren und/oder Liebesgeschichten im deutschen Fernsehen?

Durchwachsen. Grundsätzlich freut es mich, dass lesbische Liebesgeschichten kein Tabu-Thema mehr sind und man lesbische Figuren inzwischen sogar abseits von Soaps in Serien findet. Nur sind die Storys kein Selbstläufer. Nicht jedes Frauenpaar harmoniert und nicht jede Geschichte ist so gut erzählt, dass sie ein Gewinn wäre. Auch nervt mich übertriebenes Drama. Muss eine Figur erst im Brautkleid vor dem Altar checken, dass sie nicht den Bräutigam liebt, sondern seine Schwester?

Was würdest du dir wünschen?

Mehr Realität und auch Normalität. Ich finde es gut, wenn Problemfelder wie zum Beispiel Coming-Out thematisiert werden. Das gehört nun mal einfach zur lesbischen Realität. Doch eine lesbische Person/Figur ist in erster Linie Mensch, und Menschen können unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung tausenderlei Probleme haben, aus denen sich Geschichten stricken lassen. Es muss nicht immer die Samenspendersuchstory sein. Auch unaufgeregter Alltag wäre ganz angenehm. Soll eine Kommissarin in einer Serie doch abends heimkehren, und zwar nicht zu Herzblatt Harald, sondern zu Herzdame Helga. Ganz entspannt. Lesbenstory muss kein Synonym für Drama sein.

Kannst du Geschichten nennen, die dich im TV besonders begeistert haben?

Komplett verzaubert hat mich wie gesagt Jemma. In meinen Augen stimmte das Gesamtpaket. Eine behutsam aufgebaute Liebesgeschichte jenseits von abgenudelten Klischees und gespickt mit süßen Dialogen. Dazu zwei Darstellerinnen mit geradezu magischer Chemie und Freude am Spiel. Ein Highlight aus der Vergangenheit war für mich außerdem das Gespann Kerstin und Sascha aus „Hinter Gittern“. Zwei Figuren mit Ecken und Kanten, zwischen denen es nicht nur knisterte, sondern auch knallte. Ansonsten freue ich mich sehr über nett gemachte Nebenstories, wie etwa in „Mord mit Aussicht“. Polizistin Bärbl entbrennt eine Folge lang für eine Frau, knutscht glücklich und alle freuen sich mit. Gerne mehr davon!

Judith Hüller ist freie Journalistin, Redakteurin und Autorin. Ihr Buch “Violett ist erst der Anfang” ist Anfang August als E-Book im Carlsen-Verlag erschienen und kann bei Carlsen, Amazon oder iTunes käuflich erworben werden. Alternativ könnt ihr auch an der Verlosung teilnehmen und mit etwas Glück eines von 5 Exemplaren des Buches gewinnen.

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

4 Kommentare

  1. Also erstmal habe ich mir alles durch gelesen, ist spannend 🙂 UND dann.. Wenn eine Frau lesbisch ist und ihr Idol hübsch und was auch immer findet, ist das doch okay. Nur das wars dann auch 🙂 und man weiß ja nie ob ne lesbische Frau in ner Serie auch in real lesbisch sein könnte, kann ja sein. Solange man keinen Müll rum erzählt ist das doch okay 🙂 und ich würd jetzt nicht denken ‘Heeey Lucy wird meine neue Beste Freundin ich bin zwar 19 und wir kennen uns nicht aber okaaay’ niemals. Doch klar würd ichs schon krass finden mich mal mit ihr zu unterhalten 😀 #jemma <3

    • Danke für deinen Kommentar. 🙂

      Leider gibt es einige Fans, die das nicht so differenziert sehen wie du und die genau das denken – dass sie ihre beste Freundin oder mehr ist, obwohl sie sie tatsächlich gar nicht kennen. Das kann ziemlich anstrengend werden – vor allem, nehmen ich mal an, wohl für Lucy, aber auch für andere Fans.

      Was ich übrigens total klasse finde: Dass Jemma nach 5 Jahren immer noch Thema ist. Stay Jemma!

  2. Ich bin ich NICHT hetero und Lucy ist seeeehr hübsch. ♥ Viele finden sie bestimmt toll. ♥Aber manche Sachen sind übertrieben. Wenn man Jemand mag der unerreichbar ist, dann sollte man die Augen schließen und träumen oder vergessen, aber nicht stalken wie so ein Kranker.. Das stört die Person doch und man will doch nicht, dass sich sein Idol aufregt. ♥Manchmal hat sie so krasse Blicke drauf und sagt so Dinge, wo man sich so denkt ‘Hey das bin 100 % ich’, aber deswegen kann man nicht beschließen best friends mit dieser Person zu werden, das ist unreal.. 😀 Jemma ist das schönste Paar, weil es so.. Echt ist. ♥ Danach kommen für mich Naomily. <3