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Sind wir nicht alle ein bisschen schwul?

Heute ist IDAHO, der International Day against Homophobia. Überall auf der Welt setzen Homosexuelle und ihre Angehörigen und Freunde heute ein Zeichen gegen Intoleranz und Homophobie, in Deutschland zum Beispiel durch einen Flashmob auf dem Hamburger Rathausmarkt und einen Kuss-Marathon vor der Botschaft von Uganda in Berlin.

Ich habe mich deshalb entschieden, heute mein eigenes kleines Zeichen zu setzen und mich endlich meiner eigenen, tief verinnerlichten Homophobie zu stellen. Lange habe ich mich dagegen gewehrt und behauptet, es sei nicht so, aber es wird Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen und es endlich zu akzeptieren:

Ich bin schwul.

Das wird Euch jetzt wahrscheinlich etwas überraschen. Mich hat es auch überrascht, schließlich dachte ich immer, ich sei lesbisch. Das bin ich auch, aber eben auch schwul.

Nicht, dass ich mich dafür entschieden hätte. Schwul zu sein ist schließlich keine Wahl, das sucht man sich nicht aus, das ist man einfach. Oder genauer gesagt: Mann ist das einfach. Bei Frauen ist das etwas komplizierter. Die entscheiden das natürlich auch nicht selbst. Für die wird das einfach entschieden, und zwar von den Medien.

Dort verwendet man das Wort „schwul“ mit schöner Regelmäßigkeit nicht nur für männerliebende Männer, sondern als Oberbegriff, der die frauenliebenden Frauen eben auch irgendwie erfasst. Und so gehe ich seit Jahren auf „Schwulenparaden“, setze mich für „Schwulenrechte“ und gegen „Schwulenhass“ ein und freue mich, irgendwann eine „Schwulenehe“ eingehen zu können. Und erst gestern fragte Welt Online, ob die „Schwulen mit der Emanzipation am Ende“ seien, um dann im Text doch noch ein paarmal das Wort „lesbisch“ einzustreuen.

Nun möchte ich den entsprechenden Autorinnen und Autoren nicht unterstellen, sie seien der deutschen Sprache nicht mächtig und würden den Unterschied zwischen schwul und lesbisch nicht kennen. Wahrscheinlich unterliegen sie einfach ganz praktischen Zwängen. Immerhin ist das Wort „schwul“ so schön kurz und knackig und passt besser in die Schlagzeile. „Homosexuell“ ist ja irgendwie auch viel länger, außerdem klingt das so klinisch, und der Wortteil „sex“ geht bestimmt nicht durch den Spam-Filter der Redaktion. Oder so. Und die Frauen – na ja, die sollen sich mal nicht so anstellen, die sind natürlich mitgemeint.

Bei allem Verständnis – ein gewisses Störgefühl bleibt da schon. Schließlich würde doch auch niemand auf die Idee kommen, nur weil das Wort „deutschsprachig“ so lang ist einfach alle Länder im deutschen Sprachraum als „deutsch“ zu bezeichnen. Mal ganz davon abgesehen, dass das schon aus historischen Gründen nicht ganz unproblematisch wäre, hätten die Österreicher und Schweizer dagegen wohl erhebliche Einwände, und zu Recht.

In der englischen Sprache ist das einfacher.  Dort gibt es das Wort „gay“, was zwar hauptsächlich eine Bezeichnung für schwule Männer ist, von Frauen aber ebenso verwendet wird. Man denke da nur an die berühmteste Coming-Out-Szene in der amerikanischen Fernsehgeschichte, in der Ellen DeGeneres alias Ellen Morgan „I’m gay“ in ein Mikrofon haucht und so versehentlich dem gesamten Flughafen von Los Angeles ihre Orientierung verkündet.

Aber so ein schönes Wort, das übrigens auch mit „heiter“ oder „fröhlich“ übersetzt werden kann, haben wir in der deutschen Sprache leider nicht, und so sind wir eben alle schwul. Weil es so schön einfach ist.

Vielleicht wäre es aber viel einfacher, wenn wir uns ganz von dieser Art von Labels lösen könnten, denn schließlich beschreiben sie doch nur eins, nämlich wen wir lieben. Statt nun zu sagen, dass ich schwul, lesbisch, bi oder hetero bin, könnte ich es auch einfach so sagen:

Ich liebe Frauen. Und das ist auch gut so.

In diesem Sinne: Happy IDAHO!

Habt ihr es gemerkt? Diesen Text habe ich schon vor drei Jahren geschrieben und in meinem damaligen Blog veröffentlicht. Ich habe mich selbst ein wenig erschrocken, wie aktuell er immer noch ist, denn geändert hat sich bei diesem Thema bis heute leider kaum etwas.

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

2 Kommentare

  1. C’est vrai!

    Achja und was ich noch sagen wollte, ich mag deinen Schreibstil! 😀