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Neuer Beitrag bei Seriennotizen: Queere Frauenfiguren in deutschen Serien

Bei Seriennotizen habe ich einen längeren Beitrag über queere Frauenfiguren in deutschen Serien geschrieben und war ganz überrascht, dass ich – anders als in früheren Jahren beim selben Thema – hinterher nicht total frustriert war. Denn das sind aktuell gar nicht mal so wenige. Vor allem bei ARD und ZDF hat man anscheinend endlich eingesehen, dass zu ihrem Programmauftrag auch die Darstellung von Vielfalt gehört und dass Vielfalt eben auch die LGBTQ*-Community umfasst.

Zwei Beispiele sind unten aufgeführt. Näheres hierzu sowie Infos zu weiteren Figuren und Frauenpaaren gibt es im Beitrag:

Queere Frauenfiguren in deutschen Serien: Huch, wo kommen die denn plötzlich her?

“SOKO Potsdam”: Bei den Ermittlungen zu einem Mordfall hat Kommissarin Luna Kunath (Caroline Erikson, rechts) eine alte Bekannte wiedergetroffen. Mit Lydia (Kristin Suckow) hat sie offenbar mehr verbunden als nur Freundschaft und die alten Gefühle flammen schnell wieder auf.

“In aller Freundschaft”: Schwester Miriam (Christina Petersen, rechts) hat in der Klinik die Sportlehrerin Rieke (Liza Tschirner) kennengelernt. Zwischen den beiden knistert es gewaltig. Da gibt es nur ein Problem: Rieke hat bereits eine Freundin…

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GZSZ: Anni ist mal eben Schrippen holen

5 Jahre lang war Linda Marlen Runge als Anni Brehme Teil des GZSZ-Ensembles. Ende August ist sie ausgestiegen. Das ist nicht nur für die Sichtbarkeit queerer Frauen in deutschen Serien schade, sondern auch wegen der Figur Anni an sich.

Sie hat den Kolle-Kiez 5 Jahre lang ganz schön aufgemischt: Anni (Linda Marlen Runge) (Quelle: RTL)

“Wo geht denn Anni hin?” fragt Jule Tuner, als sie ihre Halbschwester das Festivalgelände verlassen sieht, auf dem sie mit ihren WG-Mitbewohner*innen in der Nacht davor gefeiert hat.

“Schrippen holen.”

Und damit ist sie verschwunden, die Anni Brehme. Auf zu neuen Abenteuern, mit Gitarre, aber ohne Handy. Es ist ein passender Abgang für die Figur, deren Freiheitsliebe schon immer ein prägendes Charaktermerkmal war und sogar ihrer großen Liebe im Weg stand. Und es ist auch nicht unbedingt ein Abschied für immer. Vielleicht steht Anni in einigen Monaten oder Jahren tatsächlich mit Schrippen vor der WG-Tür. Jedenfalls hat Darstellerin Linda Marlen Runge eine Rückkehr der Figur nicht ausgeschlossen.

Erst einmal müssen der Kolle-Kiez, die GZSZ-Fangemeinde und die deutsche Serienlandschaft aber ohne Anni auskommen. Und das finde ich durchaus schade.

Als die Figur vor 5 Jahren angekündigt wurde, war ich zunächst einmal skeptisch. “Lesbisch, tough, tätowiert” lautete die klischeebeladene Überschrift des Artikels, in dem ich zum ersten Mal von Anni las. Auch die Andeutung, dass sich zwischen ihr und einer der etablierten Figuren eine Liebesgeschichte entwickeln würde, stimmte mich nicht zuversichtlich, deutete doch alles auf eine der bekannten, sich häufig quälend lang hinziehenden “Lesbe verzehrt sich nach Hetera”-Storyline hin, womöglich noch als Dreiecksgeschichte, weil die Hetera noch in einer Beziehung mit einem Mann ist.

Die GZSZ-Autor*innen schafften es jedoch von Anfang an, mein Interesse an der Figur zu wecken. Denn Anni war mehr als ein wandelndes Klischee. Auf den ersten Blick unkonventionell, locker und schlagfertig, aber mit durchaus konservativen Vorstellungen, was das WG-Leben angeht: Mietvertrag, eigenes Kühlschrankfach, Putzplan – Ordnung muss sein. Anni entpuppte sie sich als komplexe Figur, selbstbewusst und smart, aber auch mit Schwächen, Ecken und Kanten.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Anni und Jasmin, die sich im Laufe des ersten Jahres entwickelte, habe ich durchaus gern gesehen und hier im Blog begleitet. Zwar wurde es tatsächlich die befürchtete “Lesbe verzehrt sich nach Hetera”-Storyline, bei der die Hetera immer wieder betont, dass sie eben nicht auf Frauen steht. Aber immerhin wurde die Dreiecksgeschichte vermieden. Und alles in allem hatte die Geschichte immer wieder eine gewisse Leichtigkeit und großen Unterhaltungswert, was vor allem auch an den beiden Darstellerinnen lag. Linda Marlen Runge und Janina Uhse machten dabei nicht nur vor der Kamera deutlich, wie wichtig ihnen diese Geschichte war und wie sehr sie hinter ihr standen, sondern wurden auch hinter der Kamera zu ihren größten Promoterinnen. Sie bekamen sogar einen eigenen Fan-Namen: In der Serie waren sie “JasAnni”, als Darstellerinnen “Ruhse”.

Doch GZSZ ist nun einmal eine Soap, und so nahm ihre Geschichte einen etwas schrägen Verlauf – leider. Ein langes Liebesglück war ihnen jedenfalls nicht vergönnt. Schon nach wenigen Monaten kriselte es und nachdem der Versuch, eine offene Beziehung zu führen, um Annis Freiheitsliebe entgegenzukommen, scheiterte, war die Trennung unvermeidlich. Es wurde jedoch auch danach immer wieder deutlich, wie viel die beiden einander bedeuten, selbst wenn es letztlich – trotz eines kurzen Liebes-Revivals im vergangenen Jahr – kein Happy End für die beiden gab, bevor “Jasmin” Janina Uhse die Serie verließ.

Und noch etwas wurde stringent erzählt: Dass Anni wirklich, tatsächlich, überhaupt kein Interesse an Männern hat, nicht einmal, wenn sie betrunken ist. Anni ist damit eine der wenigen Frauenfiguren im deutschen TV, die nicht nur von Anfang an, sondern auch durchgängig ohne Wenn und Aber lesbisch sein durfte.

In ihrer Abschiedsfolge begründet Anni ihren Entschluss, Berlin vorerst den Rücken kehren zu wollen, gegenüber ihrem Freund Tuner damit, dass sie sich schon so lange im Kreis drehen würde. Ich fand das für die Figur eine ganz passende Beschreibung, denn ich hatte das Gefühl, dass den Autor*innen für Anni nicht mehr viel an Entwicklungsmöglichkeiten eingefallen ist. Insbesondere auch die beiden Liebesgeschichten, die nach der Trennung von Jasmin noch mit ihr erzählt wurden – mit der Bankerin Rosa und Jasmins Mutter (!) Katrin – waren jeweils nur von kurzer Dauer und wurden allerhöchstens angerissen. Vielleicht ist es deshalb gar nicht schlecht, wenn die Figur eine Pause einlegt, damit sie, sollte es irgendwann ein Comeback geben, mit frischen Storys im Gepäck zurückkehren kann.

Bis dahin heißt es erst einmal: Auf Wiedersehen, Anni! Und vielen Dank an Linda Marlen Runge, dass sie Anni in den vergangenen fünf Jahren so wunderbar mit Leben erfüllt hat.

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Seriennotizen über “One Day at a Time”, “The Bold Type”, “Wynonna Earp” & mehr

Vor einigen Monaten habe ich in diesem Beitrag geschrieben, dass ich mich beim Bloggen derzeit mehr auf die Seriennotizen, meinen neuen Serienblog, konzentriere, dass ich dort aber natürlich auch weiterhin über queere Frauenfiguren und lesbische Liebesgeschichten in Serien schreiben würde.

Gesagt, getan. Seit letztem Jahr habe ich u.a. über die wunderbare Coming-out-Geschichte in der Netflix-Sitcom One Day at a Time geschrieben sowie darüber, was ich an der Serie The Bold Type toll finde, wozu auch die Liebesgeschichte zwischen Kat & Adena gehört. Außerdem habe ich von Wynonna Earp geschwärmt, was natürlich nicht ging, ohne “WayHaught” zu erwähnen. Und auch in meiner Vorschau auf das Serienjahr 2018 geht es u.a. um Serien, in denen es Liebesgeschichten zwischen Frauen gibt, wie z.B. Legends of Tomorrow, Supergirl und Sense8.

Hier sind die Links:

Elena Alvarez (Isabella Gomez, links) outet sich bei ihrer Mutter Penelope (Justina Machado) in “One Day at a Time” (Quelle: Netflix)

Über deutsche Serien mit lesbischen Liebesgeschichten gibt bisher noch keine Seriennotizen, ganz einfach weil sie so unglaublich rar gesät sind. Zu finden sind sie derzeit nur in der Lindenstraße – wo sonst? – und vielleicht demnächst mal wieder bei GZSZ, denn Anni hat sich verguckt. Und ab Mai ermitteln im Ersten wieder die Rentnercops und strapazieren die Nerven ihrer Chefin Vicky Adam. Die waren am Schluss der letzten Staffel besonders angespannt, weil ihre Frau gerade schwanger ist. Hoffentlich ist davon in den neuen Folgen ein bisschen mehr zu sehen. Zumindest einen Namen dürfte man ihrer Frau gern mal geben.

Über welche Serie(n) sollte ich eurer Meinung nach denn unbedingt mal etwas schreiben? Schreibt es gern in die Kommentare.

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Frauenliebende Frauen in deutschen Serien im Oktober 2016: Mehr Frust als Lust

Visibility matters – Sichtbarkeit ist wichtig. Im deutschen Fernsehen lässt sie jedoch leider zu wünschen übrig. Ein Frustbeitrag über den Status der Repräsentation lesbischer, bisexueller, queerer Frauen in deutschsprachigen Serien.

Aktuell das wohl einzige Frauenpaar in einer deutschen Serie: Anni (Linda Marlen Runge, r.) und Rosa (Joana Schümer) in der RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (Bild: RTL / Rolf Baumgartner)

Ausgerechnet eine RTL-Soap hält tapfer die Fahne lesbischer Sichtbarkeit im deutschen Fernsehen hoch: Anni (Linda Marlen Runge, r.) mit ihrer neuen Flamme Rosa (Joana Schümer) in “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” (Bild: RTL / Rolf Baumgartner)

In den vergangenen Jahren habe ich, jeweils im Oktober, eine Übersicht über frauenliebende Frauen in deutschsprachigen Serien veröffentlicht, also lesbische, bisexuelle, queere Frauenfiguren, die regelmäßig in der jeweiligen Serie zu sehen sind und nicht bloße Episodenrollen. Auch für dieses Jahr hatte ich mir das fest vorgenommen – und es in den letzten Wochen immer wieder aufgeschoben. Der Grund: Ich hatte keine Lust, mich mit dem Thema zu beschäftigen, weil es so unendlich frustrierend ist. Seit 2012, als ich zum ersten Mal eine entsprechende Übersicht veröffentlicht habe, hat sich kaum etwas bewegt und wenn, dann in die falsche Richtung. Weil ich aber auch nicht einfach nichts zu dem Thema schreiben wollte, habe ich mir im Folgenden stattdessen genau diesen Frust von der Seele geschrieben.

Was andere können, können deutsche Serien noch lange nicht – leider

Vor einigen Wochen veröffentlichte das Onlinemagazin Pride eine Übersicht aller lesbischen Figuren in amerikanischen bzw. englischsprachigen Serien, die im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt werden oder in den USA bei Video on Demand-Anbietern verfügbar sind. Die Übersicht umfasste ingesamt 44 Figuren. Wohlgemerkt waren das nur die als lesbisch identifizierten Figuren. Für andere nicht-heterosexuelle Figuren gab es eine eigene Übersicht. In den Erläuterungen zu der Übersicht wurde zudem ausgeführt, dass keine Figuren erfasst wurden, die in einer Animationsserie, einem Reality-Programm oder einer Soap Opera vorkommen.

Spätestens an diesem Punkt war mir ein bisschen zum Weinen zumute. Die letzte von mir erstellte Übersicht für deutschsprachige Serien, die im deutschen Fernsehen ausgstrahlt werden, aus dem Oktober 2015 bestand aus sechs Figuren. Ohne “Seifenopern” – einschließlich der Lindenstraße und Telenovelas wie Rote Rosen – wären es sogar nur zwei gewesen, nämlich Dr. Heike Steinbeck aus der ZDF-Krimiserie Die Chefin und Liz Ritschard aus dem Schweizer Tatort. Da Heike inzwischen aus der Serie ausgeschieden ist, bleibt aktuell nur Liz*. Selbst wenn man bedenkt, dass im US-Fernsehen deutlich mehr englischsprachige Serien laufen als deutschsprachige im deutschen Fernsehen, ist ein Verhältnis 1 : 44 trotzdem irgendwie bitter.

Wenn es Geschichten gibt, sind sie meistens nicht gut erzählt

Es kommt hinzu, dass die meisten Geschichten in deutschen Serien, die mit lesbischen oder bisexuellen Frauenfiguren erzählt werden, überwiegend nicht dazu geeignet sind, Begeisterungsstürme auszulösen. Die Liebesgeschichte zwischen Isabelle und Eliane in der ARD-Telenovela Rote Rosen beispielsweise hatte zwar einige wirklich schöne, da gut geschriebene und gut gespielte Momente. Davon hätte zumindest ich gern mehr gesehen. Die Storyline und die Figur Isabelle Münzberg wirkten jedoch insgesamt eher schlampig entwickelt. Die Geschichte kam zu Beginn kaum in Gang, Isabelles Reaktionen waren nicht immer stimmig. Dann hatten sich Isabelle und Eliane endlich gefunden und durften einige Folgen lang glücklich sein, bis Isabelle dann sehr abrupt feststellte, dass sie doch lieber woanders als in Lüneburg ihre frisch entdeckte Homosexualität ausleben wollte. Eliane blieb mit gebrochenem Herzen zurück. Die Figur ist immer noch Teil der Serie, hat aber – für die Serie nicht wirklich überraschend, aber deshalb nicht weniger frustrierend – seit Isabelles Weggang bisher kein romantisches Interesse mehr an einer anderen Frau gezeigt.

So enttäuschend die Entwicklung bei Rote Rosen auch war, die Geschichte war insgesamt immer noch besser als das, was sich die Autor*innen von Die Chefin für Heike Steinbeck ausgedacht hatten, bisher eine meiner erklärten Liebelingslesben in einer deutschen Serie. Mehr als einmal hatte ich da den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass ich sie gern mal mit einer Freundin sehen würde. Zu Beginn der 6. Staffel, die im Frühjahr ausgestrahlt wurde, war es dann tatsächlich soweit: Heike durfte eine Frau küssen. Leider hatte das jedoch seinen Preis. Im weiteren Verlauf der Folge wurde Heike erst vergewaltigt, dann von ihrer Freundin verlassen und zum Schluss von ihrem Vergewaltiger entführt und zusammengeschlagen. Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, gab es in der Folge auch noch eine tote Lesbe, eine Bekannte von Heike, die ihr helfen wollte und von dem Vergewaltiger getötet wurde. Das “Dead Lesbian Syndrome” lässt grüßen. Leider war diese schlimme Folge der letzte Auftritt der Figur Heike Steinbeck in der Serie.

Immerhin konnte man damals, im Frühjahr dieses Jahres, noch darauf hoffen, dass das ZDF selbst den Verlust dieser frauenliebenden Frauenfigur dadurch kompensieren würde, dass eine andere Figur, ebenfalls in einem ZDF-Krimi, ihre Liebe zu Frauen entdeckt. In der Vorabendserie SOKO Stuttgart hatte die Kommissarin Martina Seiffert sich mit der lesbischen Journalistin Paula Voss angefreundet und es deutete sich an, dass sich zwischen diesen beiden mehr entwickeln könnte. Tatsächlich kam es in der ersten neuen Folge der Serie, die Anfang Oktober ausgestrahlt wurde, zwischen den beiden zu einem Kuss, der zwar von Paula initiiert wurde, Martina aber nicht kalt gelassen hat. In der darauffolgenden Episode gab es eine Umarmung und eine Verabredung, zusammen feiern zu gehen, allerdings in Begleitung anderer Leute. Seitdem: Nichts. Nada. Niente. Selbst wenn sich zwischen Martina und Paula in der Zwischenzeit eine Liebesbeziehung entwickelt haben sollte, haben die Zuschauer*innen davon bisher nichts zu sehen bekommen und es wird dazu auch nur noch wenig Gelegenheit geben. In der kommenden Folge geht die Figur Paula nämlich auf eine “große Reportage-Reise” und wird in der Serie erst einmal nicht mehr dabei sein. Auch diese Geschichte muss daher vorläufig in den Rubriken “enttäuschend” und “vertane Chance” abgelegt werden.

Lichtblick mit Wermutstropfen

Die einzige deutsche Serie, die mir in diesem Jahr bisher in Bezug auf frauenliebende Frauenfiguren mehr Freude als Frust bereitet hat, ist – wieder einmal – Gute Zeiten, schlechte Zeiten (GZSZ). Zwar finde ich es immer noch bedauerlich, dass man mit der Figur Jasmin lieber eine heterosexuelle Inzestgeschichte erzählt hat, als ihre Beziehung mit Anni zu retten, aber immerhin gab es zwischen den beiden Ex-Freundinnen einige ganz schöne Momente, in denen deutlich wurde, wie viel die beiden einander bedeuten, auch wenn sie kein Paar mehr sind. Das dürfte ein wenig Balsam für die geplagte Fanseele gewesen sein. Worüber ich mich zudem sehr gefreut habe war, dass ich dank GZSZ die Schauspielerin Meike Schlüter mal wieder auf meinem Fernsehschirm sehen durfte, den meisten wohl vor allem bekannt durch die Kerstin & Sascha-Geschichte aus Hinter Gittern. Sie hatte im Frühjahr eine Gastrolle als Kommissarin. In die entsprechende Kriminalgeschichte war auch Anni verwickelt, aber auch da ist es GZSZ gelungen, typische Lesben-Klischees gekonnt zu umschiffen. Dass von vier Frauen ausgerechnet die Lesbe die einzige war, die nicht zu irgendeiner Zeit wegen Mordverdachts im Gefängnis gelandet ist, obwohl das Opfer der neue Lover ihrer Ex war, fand ich schon irgendwie bemerkenswert.

Und nun gibt es sogar ein neues Frauenpaar, denn Anni hat mit Rosa angebandelt, einer Geschäftsfrau aus Hamburg, die eigentlich so gar nicht zu ihr passt, was die Geschichte aber interessant macht. Natürlich gab es zwischen den beiden zu Beginn die obligatorischen  – und daher für mich eher nervigen – Streitigkeiten, bei denen vor allem Annis Verhalten aus meiner Sicht nicht immer zu der Figur passte, sondern ein wenig “out of character” war und die Figur unnötig unsympathisch gemacht hat.

Was mir an der Geschichte jedoch gut gefällt ist, dass es keine herkömmliche Coming-out-Geschichte ist. Beide Frauen, sowohl Anni als auch Rosa, wussten, bevor sie etwas miteinander angefangen haben, dass sie Frauen lieben. Das Hindernis für sie zusammenzukommen bestand daher nicht darin, dass sich eine Figur, die sich zuvor als heterosexuell identifiziert hatte, erst damit auseinandersetzen musste, plötzlich einen Menschen desselben Geschlechts zu lieben, sondern dass Anni sich überwinden musste, ihren Gefühlen für eine Frau nachzugeben, die so überhaupt nicht in ihr “Beuteschema” passt. Die Geschichte wird damit bisher aus einer ausschließlich lesbischen Perspektive erzählt, was immer noch selten der Fall ist. Ungewöhnlich ist zudem, dass es bei den beiden Frauen, jedenfalls bisher, nicht um die große Liebe geht, sondern um Leidenschaft und Begehren. Dass homosexuelles Begehren für so manche Zuschauer*innen noch immer irritierend ist, zeigen einige Kommentare in sozialen Netzwerken als Reaktion auf die erste Sexszene der beiden. Umso wichtiger ist es, dass es in einer beliebten, zuschauerstarken Serie wie GZSZ zu sehen ist.

Auch bei GZSZ geht es jedoch nicht ganz ohne Frust. Vor einigen Wochen war auf dem RTL-Twitteraccount zu lesen, dass Joana Schümer alias Rosa ihren letzten Drehtag hatte und die Serie somit schon in Kürze wieder verlassen wird. Damit steht das derzeit einzige (!?) Frauenpaar in einer deutschen Serie auch schon wieder vor dem Aus. Sehr, sehr schade.

Und nun?

Was folgt nun also aus all dem Frust, den ich mir hier gerade von der Seele geschrieben habe? Ich habe keine Ahnung, und das ist mindestens ebenso frustrierend.

Ich würde gern aufhören, mir Gedanken über die Darstellung und Sichtbarkeit von LGBTQI* und insbesondere lesbischen, bisexuellen, queeren Frauen im deutschen Fernsehen und vor allem deutschen Fernsehserien zu machen. Nur leider bin ich davon überzeugt, dass genau diese Sichtbarkeit wichtig ist, um in der Gesellschaft auf Dauer mehr Akzeptanz zu bewirken. Visibility matters. Ich möchte auch nicht eine von den Serienfans werden, die jede deutsche Serie per se verdammen. Mord mit Aussicht, Der Tatortreiniger, Club der roten Bänder sind nur einige Beispiele für Serien, die in Deutschland produziert wurden und die ich sehenswert fand, selbst wenn auch hier der Aspekt “Vielfalt” an der ein oder anderen Stelle zu wünschen übrig ließ bzw. lässt.

Also werde ich wohl weiter hoffen müssen, wenn auch vielleicht mit ein bisschen weniger Optimismus, dass sich mehr deutsche Serienmacher und Verantwortliche in den jeweiligen Sendern von ihren heteronormativ geprägten, klischeelastigen Erzählstrukturen verabschieden und sich für vielfältigere Geschichten und Figuren öffnen. Zu Anfang wäre ich ja schon mit einer weiteren Frauenfigur zufrieden, meinetwegen auch in einer öffentlich-rechtlichen Vorabendserie, die Frauen liebt, ohne dass dies großartig erklärt oder betont werden müsste, und die nach Möglichkeit nicht bei erster Gelegenheit von ihrer Partnerin mit einem Mann betrogen, vergwaltigt oder umgebracht wird. Figuren also, wie man sie in immer mehr internationalen Serien wie beispielsweise Grey’s Anatomy (Arizona Robbins), Call the Midwife (Patsy Mount & Delia Busby), The Fosters (Stef & Lena Adams Foster) oder seit Neuestem auch Wynonna Earp (Officer Nicole Haught) findet, aber eben immer noch viel zu selten im deutschen Fernsehen.

*In der ursprünglichen Version dieses Beitrags hatte ich geschrieben, dass die Sexualität von Liz unklar ist. Tatsächlich hat der SRF inzwischen bestätigt, dass Liz lesbisch ist.

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Film- & Serientipps Spezial: Alles außer Fußball

Ein Hinweis in eigener Sache, insbesondere für die Fußballmuffel unter euch: Während der EM poste ich auf Facebook und Tumblr regelmäßig Film- und Serientipps, sozusagen als Alternative zu “König Fußball”. Natürlich sind da auch so einige Filme und Serien mit lesbischen und bisexuellen Frauenfiguren und Liebesgeschichten zwischen Frauen dabei. Auf diese Tipps werde ich jeweils hier verlinken, mit einer kurzen Erläuterung, warum der Film bzw. die Serie für Rosalie & Co. relevant ist.

Screenshot_Filmtipps

Filmtipps:

  • Carol
    Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in den USA Anfang der 1950er Jahre, mit Cate Blanchett und Rooney Mara in den Hauptrollen; sehr wahrscheinlich der neue ultimative Lesben-Kultfilm.
  • Frozen (Die Eiskönigin – Völlig unverfroren)
    Ausdrücklich lesbisch oder bisexuell ist zwar keine der Figuren, aber die Geschichte, die Königin Elsa, eine der Hauptfiguren, in dem Film durchläuft, weist viele Parallelen zu einem Coming-out auf. Unter dem Hashtag #GiveElsaAGirlfriend wird in den sozialen Netzwerken deshalb auch gefordert, dass Elsa in der Fortsetzung eine Freundin haben soll.
  • Grandma
    Lily Tomlin spielt die lesbische Elle, die ihrer Enkeltochter in einer Notsituation zur Seite steht.
  • Schöne Frauen
    Unter den fünf Schauspielerinnen, um die es in dem Film geht, ist auch die lesbische Geno, die es nicht schafft, sich von ihrer Freundin zu trennen. Außerdem entwickeln sich zwischen zwei anderen Frauen mehr als freundschaftliche Gefühle.
  • BFFs
    Eigentlich wollten die Freundinnen Kat und Sam nur so tun, als seien sie ein Paar. Doch aus Spaß wird ernst und bald steht die Frage im Raum, ob sie nicht doch mehr füreinander sind als “nur” Freundinnen.
  • Pride
    Zwar spielen in dem Film überwiegend schwule Männer eine Rolle, aber die Gruppe, um die es geht, heißt nicht umsonst “Lesbians and Gays Support the Miners”, denn es sind tatsächlich auch einige Lesben dabei und es gibt einige ganz charmante Szenen mit ihnen.
  • Club der Teufelinnen (The First Wives Club)
    Um ihrer lesbischen Tochter Chris zu signalisieren, dass sie sie unterstützt, schleppt Annie, eine der Hauptfiguren, ihre beiden Freundinnen Elise und Brenda in eine Lesben-Bar. Komikerin Lea DeLaria, inzwischen bekannt aus Orange Is the New Black, hat hier einen kurzen Gastauftritt. In dem Buch, auf dem der Film baisert, gibt es diese lesbische Tochter übrigens nicht, sondern es ist Brenda, eine der Hauptfiguren, die erkennt, dass sie eigentlich Frauen liebt. In den 1990er Jahren war man aber wohl leider noch nicht so weit, dies auch im Film zu zeigen. Schade eigentlich.
  • Rent
    Zu der Gruppe von Freund*innen, um die es in dem Film geht, gehört auch das Frauenpaar Joanne und Maureen.
  • The Hours
    Eine der Hauptfiguren des Films, Clarissa Vaughn, gespielt von Meryl Streep, lebt mit einer Frau zusammen, ihrer Lebensgefährtin Sally, gespielt von Allison Janney. Und auch Nicole Kidman und Julianne Moore küssen in ihren Rollen jeweils eine andere Frau.

Serientipps

  • Being Erica
    Hauptfigur Erica ist zwar hetero, bandelt in einer Folge jedoch kurz mit ihrer Nachbarin, der lesbischen Kennedy an. Kennedy, die von Lost Girl Anna Silk gespielt wird, hat auch später noch weitere Gastauftritte. Außerdem in einer Gastrolle dabei: Tatiana Maslany, die in Orphan Black u.a. die lesbische Cosima spielt.
  • Warehouse 13
    Eine ab Staffel 2 wiederkehrende Rolle ist die der Helena alias H.G. Wells. Obwohl sie aus dem 19 Jahrhundert stammt, macht Helena keinen Hehl daraus, bisexuell zu sein. Sie versteht sich besonders gut mit der Secret Service-Agentin Myka und es wird angedeutet, dass die beiden mehr füreinander empfinden als Freundschaft.
  • Call the Midwife
    Gegen Ende von Staffel 3 wird Hebamme Patsy als eine neue Hauptfigur eingeführt. Bereits sehr früh wird angedeutet, dass Patsy nicht auf Männer steht, als sie eine eifersüchtige Kollegin mit folgenden Worten beruhigt: “Tom is not my type. At all. … There are certain things he lacks and certain things he has too much of – for me.” Tatsächlich stellt sich in Staffel 4 heraus, dass Patsy eine Beziehung mit der Krankenschwester Delia hat, die sie aber – die Serie spielt Anfang der 1960er Jahre – nicht offen leben können.
  • Orange Is the New Black
    Alex, Piper, Poussey, Big Boo, Nicky, Sophia u.v.m. – lesbisch, bi, trans, die Figurenvielfalt in OITNB ist tatsächlich bunt wie der Regenbogen.
  • Doctor Who
    Zum Freundeskreis des Doktors zählen auch Vastra, die der Spezies der Silurianer angehört, und Jenny, eine menschliche Frau. Obwohl sie im London des späten 19. Jahrhunderts leben, sind sie verheiratet. River Song, die Frau des Doktors, ist bisexuell und war – außer mit dem Doktor und einigen anderen Männern – auch mit Frauen verheiratet. Im Laufe der Serie tauchen in einzelnen Episoden zudem weitere lesbische und bisexuelle Frauenfiguren auf.
  • Mord mit Aussicht
    In Staffel 1 verguckt sich Polizistin Bärbel in die Schreinerin Mathilde. Mehr als Knutschen passiert allerdings nicht (obwohl Bärbel nicht abgeneigt gewesen wäre), da Mathilde “auf der Walz” und daher nur für kurze Zeit in Hengasch ist. Leider wurde der Aspekt, dass Bärbel auch für Frauen offen ist, danach nicht wieder thematisiert, sondern Bärbel im Gegenteil vehement auf hetero getrimmt.
  • The Good Wife
    Kalinda Sharma, private Ermittlerin und eine Zeit lang eine der wichtigsten Verbündeten und gute Freundin für Hauptfigur Alicia Florrick, verführt sowohl Männer als auch Frauen, um an benötigte Informationen zu kommen.
  • Lost Girl
    Bo, die Hauptfigur der Serie, unterscheidet nicht nach Geschlecht, wenn es darum geht, ihren sexuellen Hunger zu stillen. Aber auch emotional fühlt sie sich sowohl zu einem Mann als auch zu einer Frau hingezogen und geht im Laufe der Serie u.a. eine Beziehung mit der Ärztin Lauren ein.
  • Jane the Virgin
    Hauptfigur Jane wird versehentlich künstlich befruchtet, weil Ärztin Louisa am Vorabend ihre Ehefrau mit einer anderen Frau im Bett erwischt hat und am nächsten Morgen noch so durch den Wind ist, dass sie die Patientinnen verwechselt. Louisa ist auch im weiteren Verlauf der Serie dabei, zwar nur als Nebenfigur, aber insbesondere ihre Beziehung mit Rose, der Frau ihres Vaters, sorgt für einige Verwicklungen.
  • Battlestar Galactica
    Dass es auch in dieser Serie eine kurze lesbische Liebesgeschichte gibt, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Sie geht nämlich für keine der Beteiligten gut aus und gehört leider nicht zu den vielen Aspekten, die die Serie sehenswert machen.
  • Orphan Black
    Zu der Gruppe weiblicher Klone, um die es in der Serie geht, gehört auch die lesbische Wissenschaftlerin Cosima. In der ersten Staffel verliebt sie sich in ihre Kollegin Delphine.
  • Miss Fishers mysteriöse Mordfälle
    In einer der Folgen der ersten Staffel wird offiziell, was man vorher schon ahnen konnte, nämlich dass die Ärztin “Mac”, eine gute Freundin der Hauptfigur Phryne Fisher, Frauen liebt.
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“The 100”, das “Clexa”-Debakel und die Folgen

Die Science Fiction-Serie “The 100” könnte bahnbrechend für die Darstellung von lesbischen und bisexuellen Frauenfiguren in Fernsehserien werden – allerdings aus anderen Gründen, als ursprünglich gedacht.

(Vorsicht: Dieser Beitrag enthält Spoiler für Staffel 3 der Serie!)

“LGBT fans deserve better”.

Diese Worte lese ich derzeit sehr häufig in meiner Twitter-Timeline. Der Hintergrund hierfür ist ärgerlich, traurig und frustrierend und hat zu heftigen Debatten in sozialen Netzwerken und Online-Medien geführt. Es geht um den Tod einer beliebten Figur in einer Serie, für die auch ich bis vor kurzem vor allem lobende Worte übrig hatte: The 100.

In den vergangenen Monaten bin ich immer mal wieder angesprochen worden, ob ich hier bei Rosalie & Co. nicht etwas über The 100 schreiben wolle. Dort bahne sich eine Liebesgeschichte zwischen den weiblichen Figuren Clarke und Lexa an, von den Fans “Clexa” genannt. Sie hätten sich sogar schon geküsst. Außerdem sei deutlich gemacht worden, dass die Figur Lexa schon vorher einmal in eine Frau verliebt gewesen sei. Die Hoffnungen der Clexa-Fans für die dritte Staffel der Serie, die im Januar startete, waren riesig und wurden auch von der Produktion der Serie befeuert, allen voran Showrunner Jason Rothenberg.

Jetzt ist Lexa tot, gestorben durch eine Kugel, die eigentlich Clarke treffen sollte, und zwar unmittelbar nachdem Clarke und Lexa endlich zueinander gefunden und sich zum ersten Mal geliebt hatten.

Die Fanreaktionen auf Lexas Tod sind vielfältig, sie reichen von Fassungslosigkeit und Verzweiflung bis zu rasender Wut. Sie sind aber vor allem eines: Öffentlich. Und sie halten an. Der Kern der Vorwürfe: Dass mit Lexa schon wieder eine lesbische Figur in einer Fernsehserie sterben musste. Die Botschaft: Es reicht. Lexa hätte etwas Besseres verdient gehabt. Die Fans hätten etwas Besseres verdient gehabt. Und hört endlich auf, lesbische Frauen zu töten!

Dass lesbische und bisexuelle Frauenfiguren in Fernsehserien sterben, und zwar oftmals dann, wenn sie gerade einen Moment des Glücks erlebt haben, kommt leider allzu häufig vor. Beim Online-Portal Autostraddle findet sich hierzu eine aufschlussreiche, aber auch reichlich deprimierende Liste. Viele Kritikerinnen und Kritiker halten Jason Rothenberg daher vor, Lexas Tod erfülle ein stereotypes, äußerst negativ konnotiertes Muster für die Art der Darstellung lesbischer und bisexueller Frauenfiguren, das impliziert, dass sie niemals auf Dauer glücklich werden können, weil immer eine irgendwann stirbt. Im Englischen wird dies, bezogen auf alle LBGT-Figuren, als “Bury Your Gays” bezeichnet, speziell für Frauen als “Dead Lesbian Syndrome”.

Rothenberg sieht dies anders. Lexas Tod habe nichts mit ihrer Sexualität zu tun gehabt. Es habe gewichtige Gründe dafür gegeben, die Geschichte so zu erzählen, wie man es getan habe. Ein Faktor sei u.a. gewesen, dass Lexa-Darstellerin Alycia Debnam-Carey nur für eine begrenzte Anzahl von Folgen zur Verfügung stand. Außerdem erfülle Lexas Tod eine wichtige Funktion im Hinblick auf den weiteren Verlauf der aktuellen Staffel.

Was ich an dieser Diskssion schwierig finde ist, dass es aus meiner Sicht keine allgemeingültige Definition für das Dead Lesbian Syndrome gibt. Damit können sowohl Rothenbergs Kritiker*innen als auch diejenigen, die ihn verteidigen, Recht haben, je nachdem, wie sie es für sich definieren. Meines Erachtens ist das aber auch nicht entscheidend. Denn selbst wenn man die Entwicklung der Clexa-Storyline und insbesondere Lexas Tod losgelöst davon betrachtet, dass es schon so viele tote lesbische und bisexuelle Figuren gab, reichen Rothenbergs Argumente zumindest für mich trotzdem nicht aus, um zu rechtfertigen, wie hier mit der lesbischen Figur Lexa und ihren Fans umgegangen wurde. Die Tatsache, dass es das Dead Lesbian Syndrome gibt, macht es nur noch schlimmer.

Egal wie man es dreht und wendet, eines lässt sich nicht wegdiskutieren: Lexa ist gestorben, weil sie Clarke geliebt hat.

Titus, Lexas Mentor und späterer Mörder, hat Lexa vorgehalten, dass ihre Gefühle für Clarke ihr Urteilsvermögen trüben würden, dass sie sie unfähig machten, ihre Funktion als Commander und damit Anführerin ihres Volkes so auszufüllen, wie es aus seiner Sicht erforderlich war. Er wollte Clarke töten, damit Lexa wieder ihre Pflicht erfüllen kann. Wäre Lexa nicht in Clarke verliebt gewesen, hätte Titus keinen Grund gehabt, auf Clarke zu schießen, wobei Lexa tödlich getroffen wurde.

Aufgrund ihrer Liebe zu Clarke war Lexa im Zeitpunkt ihres Todes zudem so verletzlich wie nie zuvor in der Serie. Zumindest war das mein Eindruck beim Ansehen der – isoliert betrachtet wunderschönen – Liebesszene zwischen Clarke und Lexa. Aus Lexa, der beherrschten Anführerin, dem Commander, wird Lexa, die verliebte junge Frau. Sie gibt die Kontrolle auf, überlässt Clarke die Initiative und gibt sich ihr völlig hin. Es ist sicherlich nicht fernliegend anzunehmen, dass dies auch in dem Moment noch nachgewirkt hat, als sie in das Zimmer gestürmt ist, wo Titus gerade versucht hat, Clarke zu erschießen.

Durch die Art ihres Todes wurde Lexa, die Kriegerin, die Anführerin, zudem zum Opfer gemacht. Sie, die in einer der vorherigen Folgen einen größeren, stärkeren Mann in einem Zweikampf auf Leben und Tod besiegt hatte, um ihre Position als Commander zu untermauern, durfte nicht kämpfend und für etwas sterben, an das sie glaubte, wie für das Überleben und die Zukunft ihres Volkes. Sie ist im Schlafzimmer ihrer Freundin gestorben, an einer Kugel, die nicht für sie bestimmt war und hatte dabei nicht einmal die Chance, sich zu verteidigen oder bewusst für Clarke zu opfern.

All das wäre auch tragisch gewesen, wenn Lexa eine heterosexuelle Frau gewesen wäre. Und es wäre respektlos gegenüber der Figur Lexa gewesen, wie sie in Staffel 2 und 3 aufgebaut wurde.

Lexa deserved better.

Dass Lexa aber eine lesbische Frau war, gibt dem Ganzen eine weitergehende Dimension.

Auch wenn es inzwischen gerade in US-Serien deutlich mehr lesbische und bisexuelle Frauenfiguren gibt als noch vor einigen Jahren, sind es doch nur wenige, die sich so als Rollenvorbild und Identifikationsfigur gerade auch für junge lesbische Frauen eignen wie Lexa: Eine Anführerin, stark, mutig, respektiert und vor allem offen lesbisch. Ihre Sexualität spielt für ihr Volk keine Rolle, niemand zuckt auch nur mit der Wimper deswegen. Die Bedeutung von Lexa, ihre Einzigartigkeit wird in diesem Artikel bei blastr gut auf den Punkt gebracht: “At last check, there are precisely zero other characters like Lexa on television.” Und ausgerechnet dieser Frau wird es zum Verhängnis, dass sie sich verliebt. Für Menschen, die bezüglich ihrer Sexualität noch in der Findungsphase sind, denen vielleicht gesagt wurde, dass ihre Liebe Sünde ist, Gott sie dafür strafen wird und sie niemals glücklich werden können, ist dieses Signal katastrophal: Wenn du so liebst wie sie, wenn du deinen Gefühlen nachgibst, dann kann das tödlich enden. Nicht einmal eine Frau wie Lexa ist davor geschützt.

Und ja, es gibt in der Serie immer noch Clarke, und ja, sie ist eine Anführerin und stark und mutig und ja, sie liebt auch Frauen. Aber ihre Liebe endete ebenfalls tragisch, auch sie durfte letztlich mit der Frau, die sie liebt, nicht glücklich werden. Ein wirklicher Trost kann das also nicht sein.

Aber auch für die übrigen Fans von Clexa, viele von ihnen aus der LGBT-Community, ist Lexas Tod ein harter Schlag. Sie fühlen sich ausgenutzt und betrogen, weil sie über Monate hinweg mit entsprechenden Interviews, Tweets von Rothenberg & Co. und “geleakten” Bildern aus dem Staffelfinale, in dem Lexa noch am Leben zu sein schien, geködert und in dem Glauben gelassen wurden, dass alles gut wird. Dass Clexa zum “main couple” der Staffel werden könnten. Dass es die Chance auf ein Happy End gibt. Viele Fans werfen Rothenberg daher vor, eine besonders perfide Form von “Queerbaiting” betrieben zu haben, d.h. die Hoffnung darauf, dass dieses Frauenpaar eine Zukunft hat, bewusst genährt und aufrechterhalten zu haben, damit die Fans die Serie weiterhin gucken und sich in den sozialen Netzwerken engagieren, obwohl bereits klar war, dass Lexa sterben wird.

Clexa fans deserved better.

Doch es scheint nicht ausgeschlossen, dass Rothenberg seine Ignoranz letztlich doch zum Verhängnis werden könnte. Nicht nur, dass es auch hinter den Kulissen von The 100 wegen Lexas Tod heftig knirschen soll. Die Fanproteste haben ein Ausmaß erreicht, das auch dem Sender The CW langsam unheimlich werden dürften. Zwar wurde The 100 gerade um eine weitere Staffel verlängert. Aber die negative Aufmerksamkeit, die der Serie gerade zuteilwird, kann keinem der Verantwortlichen dort gefallen. Seit der Ausstrahlung der Folge, in der Lexa stirbt, am 3. März hat es eine Flut von Artikeln gegeben, die sich insbesondere mit Lexas Tod und den Fanreaktionen beschäftigen, und zwar nicht nur in Medien der LGBT-Community, sondern auch in Nachrichtenmedien wie beispielsweise der BBC. Maureen Ryan, Fernsehkritikerin für das Branchenmagazin Variety, hat sich bereits zweimal zu der Kontroverse geäußert. Ihre beiden Artikel, die die Gründe für den Protest und seine möglichen Auswirkungen gut auf den Punkt bringen, habe ich ebenso wie andere sehr lesenswerte Beiträge zu dem Thema am Ende dieses Artikels verlinkt.

Diese mediale Aufmerksamkeit, auch wenn es dafür einen schmerzhaften Anlass gibt, könnte zudem positive Folgen haben. Denn kaum ein Artikel kommt darum herum, im Zusammenhang mit den Fanprotesten auch das Dead Lesbian Syndrome zu thematisieren und die Tatsache, wie viele lesbische und bisexuelle Frauenfiguren schon den Serientod sterben mussten. Das wirft kein gutes Licht auf Serienproduzenten. Die Chance stehen nicht schlecht, dass Showrunner, aber auch Senderverantwortliche zukünftig noch deutlich sensibilisierter für die Problematik sind, die ein Einsatz dieses Erzählmusters mit sich bringen könnte. Zumindest bei Javier Grillo-Marxuach, dem Autor der betreffenden Folge von The 100, ist dies bereits so, wie man in Medienberichten über sein neues Serienprojekt, aber auch in seinem eigenen Tumblr-Account lesen kann. Das ist insofern relevant, als dieses Projekt für lesbische Serienfans eine besondere Bedeutung hat. Grillo-Marxuach arbeitet nämlich an der Neuauflage von Xena und diesmal soll die Beziehung zwischen Xena und Gabrielle nicht mehr nur Subtext sein.

Aber auch über den Einsatz von Queerbaiting, um das Engagement von LGBT-Fans in sozialen Netzwerken zu erhöhen, dürften die Verantwortlichen zukünftig hoffentlich zweimal nachdenken. Denn genauso, wie Fans einer Serie in den sozialen Netzwerken positive Aufmerksamkeit verschaffen und so zu ihrem Erfolg beitragen können, können sie eben auch für jede Menge negativer Publicity sorgen. Da hilft es auch nicht, sämtliche Kritik an sich abprallen zu lassen, den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als sei nichts passiert, wie dies Rothenberg seit der Ausstrahlung der Folge auf Twitter praktiziert – wo er übrigens seitdem ca. 17.000 Follower verloren hat.

Das Beispiel The 100 macht sehr deutlich, dass es sich Serienverantwortliche nicht (länger) leisten können, ihre Serien so zu gestalten, als gebe es die reale Welt nicht, als existiere man in einem Vakuum. Was auf dem Bildschirm passiert, hat Auswirkungen in der realen Welt. Gerade wenn es um die Repräsentation von Minderheiten geht, müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden und welches Bild von dieser Minderheit man den Zuschauerinnen und Zuschauern vor dem Fernseher mit einer bestimmten Art der Darstellung vermittelt. Denn es besteht die Gefahr, dass Vertreter von Minderheiten, gerade wenn sie nur selten vorkommen, nicht als Individuum wahrgenommen werden, sondern als Beispiel für die gesamte Gruppe, einfach weil die Vergleichsmöglichkeiten fehlen.

Dies ist auch bei queeren Figuren der Fall, die zwar inzwischen deutlich häufiger in Serien vorkommen, aber noch lange nicht häufig und vor allem nicht selbstverständlich genug. Sie müssen daher mit mehr Fingerspitzengefühl geschrieben werden als Hetero-Figuren, weil jede klischeehafte Darstellung noch immer schwerer wiegt und nicht hilfreich ist, wenn es darum geht, Vorurteile abzubauen. Aber nicht nur das: The 100 hat mir und hoffentlich auch anderen noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig queere Figuren auch heute noch als Identifikationsfiguren und Rollenvorbilder gerade für junge Leute im Coming-out sind und wie verheerend es sein kann, wenn diese keine positive, hoffnungsvolle Storyline haben.

LGBT fans deserve better.

In diesem Beitrag bin ich bewusst nicht auf die Frage eingegangen, wie das mit dem Dead Lesbian Syndrome eigentlich in deutschen Serien ist. Hierzu plane ich einen gesonderten Beitrag.

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