Permalink

0

Frauenliebende Frauen bei den Emmys 2016: Und Hollywood bewegt sich doch

Frauen, die Frauen lieben, sei es als Figur oder im realen Leben – bei den Emmys 2016 waren lesbische, bisexuelle, queere Frauen und Frauenfiguren bemerkenswert präsent. Das macht Hoffnung für die Zukunft – gerade auch, wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft.

Als ich Ende der 1990er Jahre mein Coming-out hatte, gab es im Fernsehen kaum Frauen zu sehen, die Frauen liebten – nicht als Figuren, schon gar nicht als Schauspielerinnen. Eine der wenigen war Ellen DeGeneres, deren Serienfigur Ellen Morgan 1997 die erste homosexuelle Hauptfigur in einer amerikanischen Mainstreamserie wurde. Für ihren Mut, nicht nur ihre Figur, sondern auch sich selbst zu outen, wurde sie zwar von LGBTI*-Gruppen gefeiert und gewann sogar einen Emmy. Den erhielt sie jedoch nicht als Darstellerin, sondern für ihre Mitarbeit am Drehbuch der Coming-out-Episode. Und auch ansonsten war man in Hollywood damals anscheinend noch nicht bereit, offen gelebte Homosexualität vor oder hinter der Kamera zu akzeptieren. Die Serie Ellen wurde nur ein Jahr später abgesetzt, Ellen DeGeneres selbst hatte danach einige Zeit lang Schwierigkeiten, in Hollywood Arbeit zu finden.

Daran musste ich heute morgen denken, als ich las, wer vergangene Nacht mit einem Emmy ausgezeichnet wurde: Jede Menge Frauen, die Frauen lieben, sei es im realen Leben oder als Figur.

So gewann Kate McKinnon, die nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass sie lesbisch ist, den Preis als beste Nebendarstellerin in einer Comedyserie für ihre brillianten Auftritte in Saturday Night Live, u.a. als Ellen DeGeneres (s. Video unten). Sarah Paulson, die vor einigen Monaten ihre Beziehung zu Schauspielerin Holland Taylor öffentlich gemacht hat, erhielt den Preis als beste Hauptdarstellerin für den Fernsehfilm The People v O.J. Simpson: American Crime Story. Ebenfalls freuen durfte sich Clea DuVall. Die Schauspielerin, die insbesondere aus dem Kult-Klassiker But I’m a Cheerleader bekannt ist und deren Homosexualität in Hollywood lange ein offenes Geheimnis war, hat sich im Rahmen der Pressearbeit zu ihrem neuen Film The Intervention vor einigen Wochen ebenfalls geoutet. Sie wurde als Teil des Ensembles der Serie Veep ausgezeichnet, die den Preis als beste Comedyserie gewann und in der Clea DuVall eine lesbische Secret Service-Agentin spielt.

Womit wir bei den lesbischen, bisexuellen, queeren Frauenfiguren wären. Tatiana Maslany gewann den Preis als beste Hauptdarstellerin in einer Dramaserie u.a. für ihre Darstellung der lesbischen Wissenschaftlerin Cosima Niehaus in Orphan Black. Auch in Game of Thrones, die erneut als beste Dramaserie ausgezeichnet wurde, gibt es seit Kurzem eine lesbische Figur. Transparent ging in der Kategorie „Beste Comedyserie“ zwar leer aus, Produzentin Jill Soloway gewann jedoch einen Drehbuch-Emmy. In der Serie geht es um die transsexuelle Maura Pfefferman und ihre Familie. Beide Töchter von Maura haben im Verlauf der Serie Beziehungen mit Frauen, wie übrigens auch Jill Soloway selbst, die seit einiger Zeit mit der Autorin Eileen Myles zusammen ist.

Wenn mir jemand all dies vor knapp 20 Jahren erzählt hätte – wie viele frauenliebende Frauenfiguren es in US-Serien gibt; dass heterosexuelle Schauspielerinnen stolz darauf sind, mit ihrer Rolle zur Sichtbarkeit der LGBTI*-Community beizutragen (Tatiana Maslany); dass Schauspielerinnen in Hollywood trotz Coming-out noch eine Karriere haben und sogar Preise gewinnen können, wenn sie heterosexuelle Rollen spielen (Sarah Paulson in The People v OJ Simpson) – hätte ich es wohl kaum geglaubt. Und natürlich heißt das nicht, dass jetzt alles gut ist. Es gibt noch viel Grund und Anlass zu Kritik an der Darstellung und Sichtbarkeit lesbischer, bisexueller, queerer Frauenfiguren in US-Serien, gerade im Hinblick auf das „Dead Lesbian Syndrome“, das gerade 2016 überproportional häufig aufgetreten ist. Aber allein dass dies inzwischen in Mainstreammedien thematisiert und von den Serienschaffenden selbst problematisiert wird, ist ein Quantensprung im Vergleich zur Situation Ende der 1990er Jahre.

Gerade in der aktuellen politischen Situation, in der längst selbstverständlich geglaubte Rechte plötzlich wieder in Frage gestellt zu werden scheinen, finde ich es manchmal sehr hilfreich, mir vor Augen zu führen, wie viel in wie kurzer Zeit erreicht wurde. Diese Serien mit diesen Figuren und diesen Schauspielerinnen gibt es und wird es immer geben und dank des Internet werden sich viele Menschen in ihnen wiederfinden und mit ihnen identifizieren können – so wie ich vor knapp 20 Jahren mit Ellen.

Jetzt dürften sich nur die deutschen Serienschaffenden hieran gern noch ein Beispiel nehmen.

Kate McKinnon als Ellen DeGeneres mit der „echten“ Ellen DeGeneres

Autor/in: Meike

Bloggerin aus Leidenschaft, Bachelor im Seriengucken, out and proud since 1998. Ich sehe fern und schreibe darüber. Mehr Infos über die Bloggerin und ihren Blog gibt es hier.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.