Outing oder nicht, das ist hier die Frage

flattr this!

Ich lese höchst selten die taz. Das hat nichts mit politischer Einstellung oder Antipathie zu tun, sondern es ergibt sich meistens einfach nicht.

Ungefähr genauso selten, wenn nicht sogar noch seltener, lese ich die Bild am Sonntag (BamS). Das wiederum hat sehr wohl etwas mit Antipathie zu tun, weshalb ich jedes Mal ein wenig leide, wenn wieder eine prominente Frau in eben jener Zeitung über ihre Liebe zu einer anderen (mehr oder weniger prominenten) Frau spricht und ich dann mit mir ringen muss, ob ich in diesem Blog darüber schreibe und gar verlinke oder nicht.

Wenn ich regelmäßig die BamS lesen würde, dann hätte ich wahrscheinlich auch die Homestory über Bundesumweltminister Peter Altmaier gelesen und erfahren, dass er sein Single-Dasein für gottgewollt hält, aber irgendwie trotzdem zufrieden ist.

Und wenn ich regelmäßig die taz lesen würde, dann wäre ich wahrscheinlich schon früher darüber gestolpert, dass es dort eine Kolumne namens “Der homosexuelle Mann” gibt, in welcher eben jener Bundesumweltminister kürzlich gemeinsam mit einer weiteren Bundesministerin sowie anderen Politkern als “lesbisch-schwule Prominenz der Regierungskoalition” bezeichnet wurde. Dann hätte ich vielleicht auch den – inzwischen nicht mehr abrufbaren – Artikel überflogen, in dem vor dem Hintergrund eben jener BamS-Homestory anscheinend darüber spekuliert wurde, ob der Minister nicht eigentlich schwul ist und die BamS-Reporter sich einfach nicht getraut haben, direkt danach zu fragen. (Wobei der letzte Gedanke mich dann doch zum Schmunzeln bringt – Bild-Reporter, die sich nicht trauen, bestimmte Fragen zu stellen?)

Jedenfalls war ich also gestern etwas überrascht, als ich beim Zwitscherdienst Twitter etwas über ein Zwangsouting von Herrn Altmaier und eine Entschuldigung von taz-Chefredakteurin Ines Pohl las. Die hatte nämlich ein Problem mit eben jenen Spekulationen in einem taz-Artikel und hat diesen daher von der Webseite löschen lassen. Zur Begründung führte sie an, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen politisch und moralisch irrelevant und Privatsache sei.

Was mich allerdings noch mehr überrascht, ist die Diskussion, die anschließend genau wegen eben jener Entschuldigung entbrannt ist. So schreibt der geschäftsführende Redakteur von queer.de, Micha Schulze, die Entschuldigung sei zu Unrecht erfolgt. Gerade auch vor dem Hintergrund der Bundestagsabstimmung über die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft mit der Ehe, bei der die PolitikerInnen der Regierungskoalition nahzu geschlossen mit “Nein” gestimmt hatten, unter ihnen auch besagter Peter Altmaier, sei es nunmehr legitim, einen schwulen CDU-Politiker bei seinem “überflüssigen Versteckspiel” nicht weiter zu unterstützen. (Das Ergebnis der namentlichen Abstimmung könnt ihr hier noch einmal nachlesen.)

Auch der Medienjournalist Stefan Niggemeier hält die Entschuldigung der taz-Chefredakteurin für falsch. Natürlich sei es politisch relevant, ob ein Politiker, der im Parlament gegen die rechtliche Gleichstellung Homosexueller stimmt, selbst homosexuell ist. Mit der Erklärung, die sexuelle Orientierung eines Politkers sei “Privatsache”, trage Ines Pohl zur fortwährenden Diskriminierung von Homosexuellen bei:

Dadurch, dass man Homosexualität — anders als Heterosexualität — als etwas besonders Intimes, Privates, Verheimlichenswürdiges darstellt, trägt man zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben bei. Dadurch, dass sie eine legitime Diskussion über die mögliche Homosexualität des Umweltministers unterdrückt, trägt die Chefredakteurin der »taz« zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben bei.

Die Diskussion und Spekulation über die sexuelle Orientierung von PolitikerInnen oder sogar ein Zwangsouting als legitimes politisches Mittel im Kampf gegen die Diskriminierung?

Schwierige Frage. Und anscheinend auch eine, die Männer und Frauen etwas unterschiedlich sehen. Denn während Micha Schulze diese Frage sehr entschieden mit “Ja” beantwortet und auch Stefan Niggemeier zumindest die Diskussion als legitim ansieht, hat neben Frau Pohl beispielsweise auch Autorin und Bloggerin Nele Tabler eine etwas andere Auffassung:

Ich bin gegen Zwangsouting, egal bei wem und warum. [...] Es mag ja sein, dass wir alle etwas wissen oder vermuten oder Gerüchte kennen oder sie sogar schon mal zufällig in einer eindeutigen Situation beobachtet haben mögen. Doch solange diese Frau nicht selbst erklärt: »Ich bin lesbisch«, hat niemand das Recht, ein Zwangsouting vorzunehmen …

Auch meine Ansicht geht in diese Richtung, wenn ich auch die Entschuldigung von Frau Pohl – worauf sowohl Stefan Niggemeier als auch Nele Tabler zu Recht hinweisen – etwas heuchlerisch finde angesichts der Tatsache, dass die o.g. Ausgabe der Kolumne “Der homosexuelle Mann” noch immer online ist.

Natürlich ist es frustierend, wenn PolitkerInnen, aber auch andere Prominente öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken, wenn sie sich im Interesse ihrer Karriere hinter einer öffentlichen heterosexuellen Fassade verstecken und darauf setzen, dass sie aus der “Community” niemand verpetzt. Wobei ich weder unterstellen kann noch möchte, dass dies bei Herrn Altmaier der Fall ist. Vielleicht hat der arme Mann tatsächlich einfach noch nicht die Richtige gefunden. In diesem Fall sollte er vielleicht noch einmal seine Kontakte zur BILD nutzen, die hatte schließlich vor einigen Jahren auch für seinen Parteikollegen Peter Harry Carstensen eine Freundin gesucht.

Letztendlich sollte es meines Erachtens aber seine eigene Entscheidung sein und bleiben, was er den Medien über sich erzählt und wieviel Einblick er ihnen gewähren möchte oder auch nicht. Ebenso wie jeder Mensch, ob hetero-, homo-, bi- oder sonstwie sexuell orientiert, dies für sich selbst entscheiden dürfen sollte. Wenn jemand das Gefühl hat, sich verstecken zu müssen, vielleicht tatsächlich sogar ein Problem mit der eigenen sexuellen Orientierung hat, dann bringt es meines Erachtens wenig, ihn im Interesse der guten Sache aus dem Schrank zu zerren. Was für ein Beispiel gäbe diese Person denn auch ab? Wohl eher kein sehr leuchtendes.

Aber wie seht ihr das? Kann ein Outing oder vielleicht auch nur die Spekulation über die sexuelle Orientierung einer Person in bestimmten Situationen legitim sein? Ich bin sehr interessiert an und gespannt auf eure Meinungen.